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(c) Annemie Augustijns

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Mehr Erwartungshaltung geht nicht: Mit Gustav Mahlers 6. Sinfonie, der „Tragischen“, debütierte Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern und damit beendete er nach 16 Jahren seine Chefdirigentenzeit 2018. Das 80-Minuten-Werk war aber auch Ende 2014 für ein Konzert von Kirill Petrenko angesetzt, das er dann absagte. Trotzdem wurde der Russe zum neuen Chef gewählt. Jetzt stand diese, den ersten Weltkrieg so fatal vorausahnende Sechste endlich an. In der Binnenreihenfolge gibt es erst das Andante, dann das Scherzo, der dritte Hammerschlag fehlt. Dafür geht es mit beängstigender Perfektion los. Allegro energico. Markig und heftig. Das ist Mahler in 4K, gestochen scharf. Mit militärkapellmeisterlicher Akkuratesse marschiert die Hundertschaft voran. Petrenko hat alles im Griff, lässt nie nach. Er will alles richtig machen, besteigt trittsicher diesen Achttausender, aber irgendwie schafft das auch Grusel, so fehlerfrei und instinktpunktiert tönt es. Das Adagio bringt keine Entspannung, nur tiefenpsychologische Analyse über Masse und Macht innerhalb eines Monsterklangkörpers. Makellos hält Petrenko die Balance im Scherzo, selbst die Ländler- Augenblicke bleiben grimmig. Unentspannt türmt sich schließlich das Finale, ein Exzess bockiger Durchdringung. Aus Berlin geht es zu einem Kulinarium. Das war das kurioseste „Rollendebüt“ seit Jahren. Anna Netrebko – bei aller Last-Minute- Lernfaulheit – mit gesundem Opernappetit auf Neues gesegnet, singt eine der kürzesten Titelpartien des ganzen Repertoires in vier Etappen. Zuerst war da 2016 ihr Album „Verismo“, wo sie die Solostellen der Liù wie der Prinzessin Turandot offerierte. In der Silvestergala 2019 der New Yorker Met gab es szenisch den zweiten Akt (im ersten Akt hat sie nur einen stummen Auftritt). An der Staatsoper München folgte jetzt das „offizielle“ Debüt, auch wenn sie nur zehn Halbsätze dazulernen musste. Denn die acht Jahre alte, alberne La-Furadels- Baus-Nichtinszenierung der von Giacomo Puccini unfertig hinterlassenen Oper „Turandot“ endet, wie von Toscanini in der Uraufführung verfügt, nach dem Tod der Liù. Das Schlussduett wird bei den Met-Aufführungen in der nächsten Spielzeit nachgeliefert. Spitzenpreise bis zu 340 Euro waren für die drei Münchner Abende zu zahlen. Für nicht einmal zwanzig Minuten Netrebko-Vokalarbeit. War es das wert? Dirigent Giacomo Sagripanti quirlte laute und schwülstige Puccini-Sauce. Und natürlich war da der unvermeidliche Anna-Gatte Yusif Eyvazov, des Spiels wie der Differenzierung unfähig. Der blökte seine Spitzentöne mit tumber Kraft. Und Anna? Die ist eine glaubhafte, gleißende, ungewöhnlich lyrische Turandot. Anfangs noch blechern bemüht, doch die Stimme ist schnell im Fokus, das dunkle Timbre und ihr Metall helfen dem Spinto-Volumen. So wirkt die eindimensionale Parabel-Figur menschlich. Ein Sprung noch nach Belgien. An der umtriebigen Vlaamse Opera in Antwerpen gab der vielgefragte deutsche Theaterregisseur Ersan Mondtag sein Musiktheaterdebüt – mit einem Spätwerk von Franz Schreker, das hier erstaunlicherweise erstaufgeführt wurde: der märchenhaften Geschichte vom „Schmied von Gent“, der im Mittelalter seine Seele an eine Teufelin verkauft, am Ende aber trotzdem in den Himmel darf. Montag inszenierte das gewohnt bunt auf der Drehbühne als sein eigener Ausstatter mit knalligen Kostümen und einem Bühnenbild zwischen Spielzeugstadt und Geisterbahn. Der Himmel ist dann freilich ein Kolonialmuseum, das an die Verbrechen in Belgisch- Kongo erinnert. Musikchef Alejo Pérez dirigierte mit Verve und Lautstärke, das Ensemble, allen voran Leigh Melrose als Smee und Kai Rüütel als seine Frau, begeisterte sehr.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2020



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