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(c) Heidelberger Frühling

Heidelberger Frühling

Noch stärker verdichtet

Die 24. Festivalausgabe folgt dem Motto „Unterwegs“, denn die Heidelberger Stadthalle ist wegen Sanierungsarbeiten geschlossen.

Früher oder später sieht sich heutzutage jedes Theater und Konzerthaus mit der Tatsache konfrontiert, dass die in die Jahre gekommene Spielstätte endlich saniert und daher zeitweise geschlossen werden muss. Die Herausforderungen dieser abhanden gekommenen Heimat sind immer grundsätzlicher Natur und fordern ein Umdenken der Veranstalter, auch in logistischer Hinsicht. Nun hat es also auch den Heidelberger Frühling „erwischt“, der mehrere Jahre ohne seine Hauptspielstätte, die schmucke Stadthalle aus dem frühen 20. Jahrhundert, in der pittoresken Altstadt direkt am Neckar gelegen, auskommen muss. Intendant Thorsten Schmidt hat entschieden, das Festival nicht in umgenutzte Zweckbauten am Rand umzutopfen, wie es häufig geschieht, sondern bewusst im Zentrum der Stadt zu bleiben. Und zwar mit einem eigens gebauten, neuen temporären Glaskubus auf dem Universitätsplatz, der die beiden neuen Hauptspielstätten – die Neue Aula und die Alte Aula der traditionsreichen Universität – mit den umliegenden zentralen Spielorten der Altstadt, der Jesuitenkirche, der Peterskirche und der Heiliggeistkirche, zu einem Festival Campus verbindet. Damit und mit dem Motto „Unterwegs. Ein Festival in Bewegung“ will er auch eine inhaltliche Aufbruchstimmung anstoßen: „Unser neu geschaffenes Festival-Zentrum mitten in der Altstadt mit der Anmutung einer großen Orangerie ist für jeden geöffnet, den ganzen Tag, sechs Tage die Woche – unabhängig davon, ob man ein Konzert besucht oder nicht. Wir sind also viel sichtbarer und haben das Ziel, die Eintrittsbarrieren so niedrig wie möglich zu halten. Wie zum Beispiel durch zahlreiche Veranstaltungen bei freiem Eintritt.“ Der Glaskubus und viele der insgesamt nun 20 Spielstätten bieten natürlich jeweils für sich nicht so viele Plätze wie die Stadthalle. Das könnte bedeuten, dass das Angebot insgesamt schrumpfen müsste. Schmidt begegnet dieser Gefahr mit Verdichtung: „Die Schließzeit bietet uns die Möglichkeit, das Festival ganz anders zu gestalten. Wir haben diese Herausforderung als Chance genutzt und unser Festivalprogramm noch stärker verdichtet. Das tut der Festivalatmosphäre gut und gibt uns die Möglichkeit, das Platzangebot zu halten.“ Das Publikum des Festivals bildet traditionell eine Mischung aus Einheimischen und nationalen wie internationalen Gästen, die mehrere Tage bleiben. Schmidt sieht das Alleinstellungsmerkmal in Heidelberg vor allem in der festen Verankerung in der Region und dem Anspruch, zugleich „ein Treffpunkt für Menschen aus aller Welt“ zu sein. Gerade Letzteres funktioniere aber nur über „singuläre Erlebnisse“, sprich Programme und Besetzungen, die nur für Heidelberg ersonnen wurden und nur dort zu erleben sind. Wie etwa die Residenz des Mahler Chamber Orchestra oder die Projekte, die Igor Levit speziell für Heidelberg ausheckt. Als weiteres Alleinstellungsmerkmal sieht Schmidt die zahlreichen Rahmenveranstaltungen, die auf Kommunikation und Austausch setzen: „Wir wollen Ermöglicher, Impulsgeber und Think Tank sein – und vor allem ein Ort der Begegnung und des Austauschs.“

Neuland und Standpunkte

Das Programm bündelt sich in Themenblöcke: Die Residenz des Mahler Chamber Orchestra bietet sechs Konzerte an sechs Tagen, kuratiert von seinem künstlerischen Partner, dem finnischen Geiger Pekka Kuusisto. Igor Levit dagegen ist verantwortlich für das Kammermusikfest im Festival „Standpunkte“ und gibt selbst sechs Konzerte, darunter ein Recital mit Dmitri Schostakowitschs 24 Präludien und Fugen. Levit leitet auch die Kammermusik- Akademie, die den Fokus auf den klassischen Akademiegedanken legt und sich vom 24. bis 26. März aus den neuen Formaten der Lectures, der Improvisations-Workshops und den bewährten Mittagskonzerten zusammensetzt. Ein weiterer bereits eingeführter Schwerpunkt des Festivals ist das Lied: Das Wochenende „Neuland.Lied“ bietet in 17 Konzerten vom 16. bis 19. April Stars wie Bejun Mehta, Anna Prohaska, Michael Volle, Anna Lucia Richter und Thomas Hampson. Dieser singt nicht nur erstmals die „Winterreise“ in Heidelberg, er steht zugleich dem modular aufgebauten Förderprogramm der Lied Akademie vor, das mit Brigitte Fassbaender und Malcolm Martineau vor Publikum mit StipentiatInnen und Fellows arbeitet. Was gibt es noch? Das Eröffnungswochenende mit gleich drei simultan stattfindenden Eröffnungskonzerten und dem Musikfrachter der Beethoven Jubiläums Gesellschaft, der anlässlich des 250. Geburtstages des Jubilars von Bonn nach Wien unterwegs ist und auch in Heidelberg vor Anker geht.


Über den „Frühling“

1Das Heidelberger Festival wurde 1997 gegründet und bietet – inklusive des Streichquartettfests im Januar – insgesamt 164 Veranstaltungen mit 623 Künstlern. Davon 105 Konzerte und ein Rahmenprogramm mit Meisterkursen, Lectures, Workshops, Gesprächsrunden, Vorträgen, Lesungen, einem Symposium und Künstlergesprächen. Von 2007 bis 2019 konnte sich der Zuspruch von 24.000 Besuchern auf 47.700 nahezu verdoppeln. Eine Besonderheit ist der hohe Anteil privater Finanzierung des Gesamtetats von aktuell etwa 3,98 Millionen Euro: Etwa 67,5 Prozent durch Eigeneinnahmen, Fundraising und Sponsoring stehen 32,5 Prozent öffentlicher Förderung durch die Stadt Heidelberg und das Land Baden-Württemberg gegenüber.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 1 / 2020



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