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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

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am 02.07.2022



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(c) Monika Rittershaus

Spießersatire

Berlin, Staatsoper: Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“

Man traf Kritiker in dieser Premiere, die trotz reichhaltigen Erfahrungsschatzes bekundeten, dieses Werk noch nie im Leben gesehen zu haben. Seine Zeit ist um. Frauen, die ihre Männer eifersüchtig machen, und Dickwänste, die zum Grapschen neigen. „Die Lustigen Weiber von Windsor“ ist ein Stück, das heute vermutlich nur noch Daniel Barenboim verziehen wird.
Dabei: Nichts gegen den Komponisten Otto Nicolai! Dass Barenboim auf die Idee kam, gute Laune von anno Muff wiederzubeleben (zum ersten Mal seit 35 Jahren an diesem Haus), hat auch mit der wagnerianisch tollen Instrumentation des Werkes zu tun. Entsprechend wird besetzt. Wagner-Bass René Pape als Falstaff trägt Feinripp über der Wampe, sein Fatsuit lässt den Bauchnabel frei. Zum Küssen! Michael Volle als Fluth kann den Hans Sachs in sich nicht verleugnen (klingt so, als habe er doch noch das „Meistersinger“-Evchen zur Frau genommen). Mandy Fredrich als seine Ehefrau bleibt flockig und relaxed. Leider sind die Spitzentöne von Anna Prohaska (als Anna) an diesem Abend flackrig und blaken. Immerhin: was für eine Besetzung!
Regisseur David Bösch kommt vom Schauspiel her. Er hat die Titelletter des Programmheftes in derselben Type setzen lassen, in der früher die Party-Alben von James Last gestaltet waren. Auf der Bühne selbst: eine Bungalow-Siedlung voller Gartengrills, Wäschespinnen und Mobiltelefonen, so groß wie Hundeknochen. Das Werk geht gut als Spießersatire durch.
Leider ist Barenboim selber das musikalische Problem. So klangzauberisch dirigiert er, als handele es sich um die „Lustigen Weiber von Lohengrin“. Falsche Fährte! Barenboim vermag nicht auf die Tube zu drücken und Dampf zu machen, auf dass dieser witzig wieder entweichen könnte. Er bleibt rhythmisch lasch und unpräzise, weshalb der Berliner Staatskapelle alles Komödiantische fehlt. Lange auch waren keine so textunverständlichen, verwackelten Chöre in Berlin zu hören. Die deutsche Spieloper vom Piefigkeitsverdacht zu befreien, gelingt so leider kaum.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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