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Riccardo Muti vor der Skyline von Chicago (c) Todd Rosenberg/CSO

Musikstadt

Chicago

Das Chicago Symphony Orchestra und die Lyric Opera of Chicago sind der Klassikstolz in einer der schönsten, amerikanischsten Städte der USA.

Ja, die Passage ist für Gäste, die von der Seite kommen, sehr praktisch, wenn es kalt stürmt. Zumal das soeben neueröffnete Restaurant „Opus“ danebenliegt. Chicago, die „windy city“, ist schließlich einen Ruf schuldig. Und da kann sie schon mal mit minus 11 Grad und Schnee im November aufwarten. Die Konzertbesucher nehmen es gelassen, dafür sind sie froh über die milden Sommer, wenn vom Lake Michigan eine feine Brise über den Millenium Park bis in die Michigan Avenue weht. Dort steht seit 1904 das Symphony Center, nicht nur Herz, sondern auch Seele der Klassikkultur der Metropole von Illinois. 1997 hat man es akustisch aufgemöbelt und erweitert. Und heute ist es ein Schmuckstück in der Loop genannten Innenstadt, einer der schönsten Agglomerationen Amerikas.
Mit 2,7 Millionen Einwohnern ist Chicago nicht klein, aber auch nicht groß. Genau richtig. Doch im Vergleich mit deutschen Großstädten ist das Klassikangebot bescheiden. Da gibt es die in einem riesigen Art-Déco-Hochhaus am Wacker- Drive gelegene Lyric Opera of Chicago. Die nahm nach diversen Pleiten erst 1954 ihren regulären Betrieb auf. Maria Callas machte immerhin den Anfang. Es regierten hier zwei starke Frauen: Carol Fox und Ardis Krainik. Seit 2011 führt Anthony Freud das Haus mit viel Geschick. Stars gibt es immer noch die Menge, eben rührten Patrica Racette und Susan Graham in Jake Heggies Mördermelodram „Dead Man Walking“.
Gegenwärtig kommt die zweite „Ring“-Produktion überhaupt in Chicago heraus, zum Ende der Saison füllt Freud seine 3.563 Plätze im nobelgoldenen Art-Déco-Auditorium zusätzlich mit über 126.000 Musical- Besuchern. Und er bekommt nun auch noch mit dem Joffrey Ballet eine weltberühmte, aber lokale Institution als Mieter dazu. Nach 20 Jahren wird Musikdirektor Andre Davies an Enrique Mazzola übergeben. Man streitet gern, ob die Lyric Opera of Chicago nach oder vor San Francisco das zweitgrößte Opernhaus der Vereinigten Staaten ist, sitzemäßig auf jeden Fall. Und die sind gut ausgelastet. Aber auch das mit seinen Mosaiken an die Hagia Sophia gemahnende Auditorium Theatre, mit seinen 3.875 Plätzen bisher Heimstatt des Joffrey, ist nicht ohne.
In Chicago denkt man groß. Bescheiden muss sich naturgemäß nur die zeitgenössische Szene. Obwohl die ebenfalls hier angesiedelte Tanztruppe Hubbard Street Dance mit ihrem populären Stilmix Mengen anzieht. Fast bescheiden nimmt sich die Symphony Hall aus – mit 2.225 Plätzen, die theaterähnlich über einen Balkon und Rang verteilt sind, während die muschelartige Bühne der in der Carnegie Hall ähnelt. Cremefarbe Chiherrscht vor, auch im Foyer, dem Grainger Ballroom, der gewinnbringend für Hochzeiten vermietet wird. Gleich gegenüber erhebt sich das Art Institute of Chicago mit seiner hinreißenden Impressionisten-Sammlung.
Man ist hier nahe dran und weich in Klang gebettet. Das Orchester, man spielt in der 129. Saison, gehört gegenwärtig zu den besten Amerikas. Seit 2010 wirkt hier als zehnter Chefdirigent Riccardo Muti, der ihm einen weichen, zarten, sogar verletzlichen Klang gegeben hat. Der aber auch die berühmten Bläser loslegen lässt. Das eine ist zu hören in einem feinsinnig ausbalancierten deutschen Programm mit Wagners „Holländer“-Ouvertüre, dem Brahms-Doppelkonzert, das den zweiten Soloinstrumentalisten an Geige und Cello zur Ehre gerät, sowie einer schönen „Rheinischen“ von Schumann; das andere hat seine Stunden etwa am Ende der „Pini di Roma“ Respighis oder in der farbenprächtigen „Romeo und Julia“-Ballettmusik. Die ist dabei, wenn man am 9. Januar in der Kölner Philharmonie mit einem kompletten Prokofjew- Programm auftritt. Die nächste Europa-Tournee wird das CSO dann zu einer Residency nach Wien (11. bis 14.), nach Luxemburg (16.), Paris, Neapel, Florenz, Mailand und Lugano führen.

Noble Dirigententradition

Der erste Musikdirektor Theodore Thomas wirkte von 1891 bis 1905; danach kam von 1905 bis 1942 eine lange Phase unter Friedrich August Stock, kürzere Perioden unter Désiré Defauw (1943 – 1947), Artur Rodziński (1947 – 1948) und Rafael Kubelík (1950 – 1953) folgten. Erst der präzisionsbesessene, gefürchtete Fritz Reiner etablierte den Weltruf des CSO zwischen 1953 und 1963. Seine Aufnahmen sind Legende, eben bekam er im Foyer eine Büste. Nach Jean Martinon (1963 - 69) übernahm Georg Solti, der bis 1991 an die Glanzzeiten Reiners anknüpfen konnte, wenn auch mit einem anderen, schneidigeren Stil. 1991 wurde Daniel Barenboim als Nachfolger gewählt. Er bekleidete sein Amt bis zum Ende der Saison 2005/06, dirigierte viel deutsches Repertoire. Bis zum Amtsantritt Mutis übernahmen Bernard Haitink und Pierre Boulez als ständige Dirigenten.
Das CSO hat aber für Chicago noch weitreichendere Bedeutung. Die Musiker bestreiten im Sommer das in einem Vorort gelegene, unabhängig operierende Ravinia Festival. Und unter dem Schirm der CSO-Organisation existiert seit 100 Jahren auch das Chicago Civic Orchestra, das als Alumniund Nachwuchstruppe für die große Schwester fungiert und seit genauso langer Zeit auch die erste Serie überhaupt mit speziellen Kinderkonzerten veranstaltet. Und das CSO ist in der Region auch der wichtigste Veranstalter, der in der eigenen Halle Klassikkonzerte mit den berühmten Namen aus aller Welt abhält.
Eine bedeutende Organisation also. Die letzte Saison mal wieder einen der Schlagzeilen machenden Arbeitskämpfe mit Aussperrungen und leerem Saal ausfocht. Ihre insgesamt gesunden Finanzen hat das zum Glück kaum beeinträchtigt. Jetzt ist mit Musikern und Gewerkschaften wieder alles ausgehandelt. Riccardo Muti schaut gelassen in die Zukunft. Viele neue Musiker hat er engagiert, gerade läuft ein Zyklus aller Beethoven- Sinfonien zum 250. Geburtstag. Mit Missy Mazzoli als Gastkomponistin arbeitet hier gegenwärtig auch eine der angesagtesten Klassikkünstlerinnen Amerikas. Und man hat im Winter eine angenehme Residency in Florida.
Trotzdem, Riccardo Muti hat gerade angekündigt, dass er nach zweimaliger Verlängerung zum Ende der Saison 2021/22 als Musikchef abtreten wird: „Ich will nicht im Sarg aus dem Konzertsaal getragen werden. Ich bin dann 80 Jahre alt, möchte nur noch Spaß und keine Verantwortungen mehr haben, mich noch mehr auf Nachwuchsförderung konzentrieren. Denn ich muss mein Wissen weitergeben. Aber mit diesem Orchester meine Chefpositionen zu beenden, das ist fein. Ich werde gern zurückkommen, so wie auch zu meinen geliebten Wiener Philharmonikern, die ich seit bald 50 Jahren dirigiere, und zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, zu dem ich ja auch eine langjährige, sehr gute Beziehung habe.“


Internationale Freunde des CSO

1Das Chicago Symphony Orchestra (CSO) hat sich mit Aufnahmen, Radiosendungen, Webcasts, Streaming-Videos und Live-Auftritten in Chicago und der ganzen Welt einen vorzüglichen internationalen Ruf erarbeitet und ein Publikum von mehr als 20 Millionen erreicht. International Friends of the Chicago Symphony Orchestra ist ein neues Mitgliedsprogramm. Man versteht sich als Gruppe von Unterstützern, die sowohl in Chicago als auch auf Tour einen besonderen Zugang zu den Programmen wie zu den Musikern bietet. Zu den Vorteilen zählen exklusive Treffen mit Musikern, Begegnungen mit Riccardo Muti, ein Ticket- Concierge-Service und eine Reihe anderer Benefits. Info: Luciana Bonifazi, bonifazil@cso.org


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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