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Jaja, der „Sigi“, dieser Hallodri…

2016 ging eine erste kleine Empörungswelle durch die Beletage der deutschen Kultur- und Geisteslandschaft. Prominente Freunde des Pianisten und Hochschul-Rektors Siegfried Mauser hatten sich da in der „Süddeutschen Zeitung“ in Leserbriefen mehr als nur darüber echauffiert, dass dieser ach so untadelige Künstler und Gelehrte vom Amtsgericht München wegen sexueller Nötigung einer Hochschul-Kollegin verurteilt worden war. Für Hans Magnus Enzensberger war damals klar, dass der Prozess nur auf einem billigen Racheakt einer von Mauser verschmähten Professorin basierte. Verleger, Dichter und damaliger Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Michael Krüger, stieß in ein ähnliches Horn und zweifelte – wie der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer – an der Aussage bzw. den Motiven der Frau. Doch auch in den nachfolgenden Jahren meldeten sich Mauser-Bekannte wie Nike Wagner verteidigend zu Worte.
Seit diesem Oktober ist es aber amtlich: Der Bundesgerichtshof hat Siegfried Mauser wegen sexueller Nötigung in drei Fällen zu zwei Jahre und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Aber ist mit diesem Schuldspruch auch dieser Fall abgeschlossen? Nein, überhaupt nicht. Tatsächlich ist gerade eine rund 460 Seiten starke Festschrift anlässlich des 65. Geburtstags von Mauser mit dem Titel „Musik verstehen – Musik interpretieren“ herausgekommen. Zu den drei Herausgebern gehören neben der Reger-Spezialistin Susanne Popp auch Dieter Borchmeyer. Und unter den Gratulanten finden sich neben den Komponisten Wolfgang Rihm, Helmut Lachenmann und Manfred Trojahn Nike Wagner, Christian Gerhaher und der Philosoph Peter Sloterdijk. Eine illustre Runde feiert und ehrt da Mauser. Und die umfangreiche Sammlung von Aufsätzen wird eingeläutet von dem Gedicht „Hören“, das Michael Krüger 2018 „Für Sigi Mauser“ geschrieben hat.
Nun mag auch so eine lyrische Gedankenwanderung durch die Musik nicht der Platz sein, um sich vielleicht in einem Nebensatz noch einmal zur Anklage Mausers zu positionieren. Das immerhin haben die drei Herausgeber in ihrem Vorwort getan – nicht aber mit einem Nebensatz, sondern mit einem einzigen ganzen Satz, der ihnen jetzt zu Recht richtig um die Ohren fliegt. „Seine [Mausers] Visionen und sein unbändiger Tatendrang, die ansteckende Spontaneität und begeisternde Vitalität haben ihm manche Kritik eingetragen – und sein bisweilen die Grenzen der ´bienséance´ überschreitender weltumarmender Eros hat für ihn schwerwiegende rechtliche Folgen gehabt.“ Übersetzen könnte man diese sprachlich aufgeplusterte Apologie etwa mit: „Jaja, der Sigi, dieser alte Schwerenöter, der seine Finger nicht immer im Griff hatte.“ Also bitte mal nicht so anstellen – was nach dem Tenor der Bewertung dieses gerade einmal unanständigen, aber für die Musik doch so unersetzbaren Künstlers wohl auch für die von Mauser Geschädigte gelten sollte. Mittlerweile hat sich übrigens Helmut Lachenmann zu diesem Vorwort geäußert, das er erst mit Veröffentlichung des Bandes lesen konnte. Er fühle sich zwar von dieser „schwer nachzuvollziehenden Hymne fahrlässig instrumentalisiert“. Trotzdem sieht Lachenmann seinen Freund Mauser schon jetzt als Opfer, als eine „kaputt gestrafte, ruinierte Kreatur“. Die wahren Opfer sehen das bestimmt genauso.

Guido Fischer



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