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(c) Gregory Massat/DG

John Nelson

Klangmagier

Der inzwischen wichtigste Berlioz-Dirigent schließt die Feiern zum 150. Todestag des Komponisten mit der „Damnation de Faust“ ab.

Manchmal lohnt die Fahrt in die Provinz: In Straßburg haben sich 2019 neuerlich das Orchestre Philharmonique, der Coro Gulbenkian und Les Petits Chanteurs de Strasbourg zusammengetan, um unter der Leitung des Berlioz-Experten John Nelson „La damnation de Faust“ aufzuführen. Passenderweise zur Osterzeit. Da beginnt nämlich die Handlung dieses seltsamen Werks. Vor zwei Jahren haben viele dieser Überzeugungstäter dort schon beim Opus summum von Berlioz, „Les troyens“, mitgewirkt. Heraus kam ein Mittschnitt, der seinem Label diverse Plattenpreise eingetragen hat.
Zwischenzeitlich hat der Amerikaner John Nelson, dessen Ruhm als führender Interpret des wilden Hectors sich spät, aber vehement verbreitet hat, in der Londoner St. Paul’s Cathedral auch dessen bombastisches Requiem aufgeführt und als Album (mit DVD!) veröffentlicht.
„Faust“ ist schwer! Selbst der heftig romantisch aufwallende Hector Berlioz ist nie glücklich geworden mit seinem Opernzwitter, den er sich 1846 – nach Lektüre der seine Landsleute viel stärker beeinflussenden Goethe-Übersetzung von Gérard de Nerval – zusammengeschustert hatte. Finanziell zerbrach er daran. Erst 1893 wurde das als Oratorium angesehene Werk an der unter ihrem legendären Direktor Raoul Gunsbourg wagemutigen Opéra de Monte Carlo szenisch uraufgeführt.
Seither ist diese „dramatische Legende“ in sieben Bildern immer beliebter geworden. Berlioz lässt dabei seinen Zickzack-Sprünge schlagenden Handlungsfluss durch wie Stolpersteine wirkende Intermezzi und Tanzeinlagen elliptisch ins Stocken kommen. Kurkonzert-Inkunabel ist höchstens der Ungarische Marsch.

Der schönste Flickenteppich

John Nelson aber entfaltet alle Klangmagie dieses in verblüffenden Tableauxwelten erzählten Geschehens als ein Kaleidoskop phantasmagorisch irrlichternder Tonbilder. Davon profitiert der Méphistophélès, den Nicolas Courjal mit wohltönender Stimme gibt, auch mit Exaltation und dem Mut zum Grellen, Verführerischen: teuflischen Noten dämonisch schön gesungen. Der urmusikalische Amerikaner Michael Spyres ist einmal mehr in einer auf ihn klangzugeschnittenen Partie als Faust zu erleben, punktet mit seiner baritonal wohligen Mittellage und weiß doch die Klippen dieser heikel hochliegenden Partie geschickt zu umschiffen. Spitzentöne schallen klar, er ist ein Meister der so spezifisch französischen voix mixte.
Während stückbedingt der Brandner von Alexandre Duhamel Randfigur bleiben muss, kann sich im zweiten Teil Joyce DiDonato nach ihrer fantastischen Didon als dunkel mezzowarmglühende, zarte Marguerite angemessen weiblichen Raum schaffen. Natürlich wird ihre vom Englischhorn begleitete Arie „D’amour l’ardante flamme“ zu einem Höhepunkt der Einspielung, bei der jede Vokalnuance sitzt.
Die meisterliche, wenn auch exzentrische Partitur, dargeboten als Fülle mitreißender Musikmomente, mal leise, mal extrovertiert. Nach dem Sinn in der Geschichte darf man nicht fragen, wenn Sylphen tanzen, Hexen meckern, Studenten Kanons leiern, es am Ende christlich wird. Dieses Werk, in dem es kaum um den Sinnsucher Faust, eher um den Romantiker geht, der am Ennui du Siècle leidet, bleibt Flickenteppich. Einer der schönsten im Opernrepertoire.

Neu erschienen:

Hector Berlioz

La damnation de Faust (2 CDs + DVD)

Joyce DiDonato, Michael Spyres, Nicolas Courjal, Alexandre Duhamel, Orchestre Philharmonique de Strasbourg, John Nelson

Erato/Warner

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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