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(c) George Kadarvar

Ildar Abdrazakov

Schön schokoladig

An Charakterisierung und Stimmfülle muss der Bass Ildar Abdrazakov noch arbeiten. Trotzdem hört man sein Verdi-Album gern.

43 Jahre. Das ist für einen Bass im Grunde der Zeitpunkt, wo er wirklich erblüht, wo die Karriere sich ihrem Gipfel nähert. Und der Russe Ildar Amirovich Abdrazakov, der 1976 in Ufa, der Hauptstadt der Teilrepublik Baschkortostan geboren wurde, hat jetzt eben diesen Status erreicht. Er ist überall gebucht, wo die Oper gut und teurer ist. Besonders Riccardo Muti, der inzwischen als Stellvertreter Verdis auf Erden gilt, liebt ihn sehr. Eben haben sie wiedermal das Requiem bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. Ildar Abdrazakov singt das elegant und weich. Was ihm ein wenig fehlt, ist die strenge Fülle und melancholische Schwärze die Verdi insbesondere dem „Confutatis“ einkomponiert hat. Dafür ist hier eine lyrisch strömende, sehr gesunde Stimme zu erleben, die sich in diesem Idiom hörbar wohlfühlt.
Bässe können sich auch Zeit lassen mit Soloalben, schließlich gib es in jungen Karrierejahren mitunter nur heiße Luft zu bestaunen, und auch mental muss man erst einmal in sein Rollenfach hineinwachsen – das meist Väter, Mönche, Könige, Teufel und Verräter umfasst. Für Ildar Abdrazakov bedeutete das 2014 einen ersten CD-Alleingang mit russischem Repertoire. Dem folgte 2017 eine auf Rolando Villazón konzipierte Duo-Platte, als Stütze des bereits fast stimmlosen Ex-Tenors. Dafür sekundiert diesmal der Mexikaner auf Abdrazakovs Verdi-Soloplatte, ebenfalls mit denselben, sehr guten musikalischen Kollegen: Yannick Nézet-Séguin mit seinem Orchestre Métropolitain de Montréal.
Vor allem frühen und mittleren Verdi hat Ildar Abdrazakov dafür ausgewählt, Arien aus „Oberto“, „Nabucco“, „Ernani“, „Attila“, „Macbeth“, „Luisa Miller“, „Don Carlos“, „Simon Boccanegra“ und „I Vespri siciliani“. Bis auf zwei Rollen hat er alles auf dem Album schon auf der Bühne gesungen. Ganz besonders bedeutungsvoll ist für ihn der Hunnenkönig, denn eine DVD, die sein ebenfalls Bass-singender Bruder Askar mitbrachte, gab für den eher Frank Sinatra Zugeneigten einst den Ausschlag für die Oper: „Es war ,Attila’ an der Scala mit Samuel Ramey in der Titelrolle und Riccardo Muti am Pult. Als ich die gesehen habe, begann für mich ein neues Leben, wirklich! In diesem Moment habe ich mich in die Oper verliebt.“ 2011 dann sang Abdrazakov selbst den Attila an der Met: mit Riccardo Muti am Pult – und mit Samuel Ramey als Papst.
Beim Hören wird deutlich: Der Russe hat eine ausgesprochene Plattenstimme. Was im Opernhaus bisweilen eine Spur zu klein klingt, stimmt hier in der Balance. Was ihm noch fehlt: Alle Charaktere klingen sehr ähnlich, egal ob wütender Rächer oder zärtlicher Vater, spanischer König oder alter israelischer Priester. Da darf Ildar Abdrazakov in kommenden Opernjahren noch etwas arbeiten. Seine Höhe ist besser als seine Tiefe, aber schön schokoladig kann er es strömen lassen. Der Stimmkern hat ein wenig Metall und auch ein paar wohlig raue Stellen. Sein Vibrato hat er stets unter Kontrolle, kann es als Ausdrucksmittel einsetzen. Ja, von dem wollen wir mehr hören!

Neu erschienen:

Giuseppe Verdi

Verdi

Ildar Abdrazakov, Rolando Villazón, Orchestre Métropolitain de Montréal, Yannick Nézet-Séguin

DG/Universal

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2019



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