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Tritt zum Abschied: Nike Wagner stellt ihrem Publikum ein schlechtes Zeugnis aus © Cornelis Gollhardt/Beethovenfest Bonn

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Abschied mit Nachtreten

Als Nike Wagner 2014 offiziell als Intendantin das Bonner Beethovenfest übernahm, stand das Konzertprogramm ihrer ersten Saison schon lange fest. Denn ein letztes Mal hatte ihre Vorgängerin Ilona Schmiel dieses mehrwöchige Festival durchgeplant. In ihrem Festvortrag bedankte sich Wagner daher auch bei ihrer Kollegin dafür – und richtete zugleich einen grundsätzlichen Blick in die Zukunft. „Wir werden Beethoven neue Denkmäler errichten“, versprach die Ur-Enkelin von Richard Wagner. „Keine bronzenen freilich, […], sondern Nachdenk-mäler – mit konzeptuell und dramaturgisch geschärften Programmen im Dialog mit dem Werk dieses überwältigend kreativen und überwältigend geschichtsträchtigen Komponisten.“ Dieses Credo spiegelt sich natürlich auch im Programm des diesjährigen Beethovenfests wider, das unter dem Motto „Mondschein“ ab dem 6. September beginnt (www.beethovenfest.de). Und im großen Beethoven-Jahr 2020 dürften die musikalischen Kontraste, mit denen man erneut über Auftragskompositionen den Zeitgenossen Beethoven ins Visier nehmen will, wohl noch frappanter ausfallen. Doch nach dem Jubiläumsjahr ist Schluss. Denn wie Nike Wagner gerade bekannt gab, will sie ihren bis Ende 2020 laufenden Vertrag nicht verlängern. „Ich gehe nicht wegen irgendwelcher Ressentiments, sondern ich gehe, weil es meiner Lebenssituation entspricht“, so die 74-Jährige eher lapidar gegenüber dem Bonner „General-Anzeiger“.
Was Nike Wagner zu ihrem Schritt aber wirklich bewogen hat, das erläuterte sie im Interview mit BR-Klassik. So empfindet sie nicht nur die aktuelle Spielstätten-Situation mit dem World Conference Center Bonn (WCCB) als zentralem Konzertsaal als ziemlich unbefriedigend. Auch dem Bonner Publikum gibt die (scheinbar unverstandene) Anwältin des intellektuellen Tiefgangs und des musikalisch Avancierten einen Seitenhieb mit: „Der Bonner will es gern altmodisch, romantisch, kuschelig schön haben, wenn er in ein Klassikkonzert geht." Diese typische Bonner Mentalität ist für die Kulturwissenschaftlerin somit der eigentliche Grund, warum die Resonanz auf die Programme mit unter anderem auch ihren Uraufführungen wenig erquickend ausgefallen ist. So ist der Kartenverkauf stetig heruntergegangen. Und 2018 musste man ein dickes Defizit von 650.000 Euro verkünden.
Das Verhältnis zwischen Intendantin und Publikum scheint abgekühlt. Weshalb viele Wagners Abschied am 31. Dezember 2020 schon jetzt herbeisehnen. Was auf ihren Weggang folgen wird, hat Wagner ebenfalls bereits prognostiziert: „Ich nehme an, dass nach mir wieder ein ‚Rechtsruck‘ kommt, metaphorisch gesprochen. Also: Mainstream, große Orchester für den großen Saal und landläufige Programme." Bonn kann sich schon jetzt herzlich – gar nicht metaphorisch gesprochen – für diese ziemlich verquere, dämliche Einschätzung bedanken…

Reinhard Lemelle



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