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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

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am 02.07.2022



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(c) Ruth und Martin Walz

Letzte Gelegenheit

Berlin, Staatsoper: Prokofjews „Die Verlobung im Kloster“

Prokofjews „Verlobung im Kloster“ (1946) ist die vielleicht letzte bedeutende Komische Oper der Musikgeschichte. Im Osten wurde sie früher oft gespielt. Auch wegen zweier Vorteile: Ein abgesungener Wagner-Tenor und eine ausgebrannte Altistin können hier preiswert wiederverwendet werden. Von Stephan Rügamer, langjährigem Ensemble-Tenor an der Berliner Staatsoper, heißt es in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov dreist: Er wolle mit dem Auftritt „seine Ehe retten“. Und Violeta Urmana – in der ersten russischen Rolle ihrer 26-jährigen Laufbahn – wird mit dem Vorsatz zitiert, sie versuche „ihre im Niedergang befindliche Divenkarriere“ aufzuarbeiten. Nanu?!
Die schablonenhafte Handlung, die dem „Decamerone“ Boccaccios entlehnt sein könnte, wird von Tcherniakov radikal gegen den Strich gebürstet. Er erzählt von einer „Gemeinschaft anonymer Opernabhängiger“ („Opera Addicts Anonymous“). Diese Leute denken sich die Handlung nur aus, um sich selber zu therapieren. Sehr lustiger, starker Ansatz! Auch der Schluss ist super gelungen. Da stürmen Alt-Lieblinge der Opern-Afficionados die Bühne: ein Pavarotti- Klon als „Rigoletto“-Herzog mit Goldlaub im Haar; eine Gruberova in „Roberto Devereux“ sowie Dutzende weiterer Aha-Effekte.
Für Daniel Barenboim ist Prokofjews sarkastisch- rasendes Parlando das richtige Stück. Bei voll ausgekosteter Dramatik stiftet er Klarheit und Kontur. Mit der goldklaren Aida Garifullina und fantastischen slawischen Stimmen (Andrey Zhilikhovsky, Bogdan Volkov) ist der Abend – was man in letzter Zeit selten genug von der Berliner Staatsoper sagen konnte – von vorne bis hinten exquisit besetzt.
Es ist ein dreieinhalbstündiger Treffer, für den man Sitzfleisch und Interesse mitbringen sollte. Die Aufführung – trotz des gefälligen Sujets war das Werk ursprünglich wegen „Formalismus“ verboten – ist eine Tat. Und da komische Opern sich bei Regisseuren konsequenter Unbeliebtheit erfreuen (und große Opernhäuser nur ansetzen, wofür sie renommierte Regisseure kriegen), getrauen wir uns die Prognose: Diese Gelegenheit kommt nicht wieder.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2019



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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