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(c) Gay Perret/Festival Berlioz

Musikstadt

La Côte-Saint-André

Eine angenehme Stunde von Lyon entfernt lockt Hector Berlioz nicht nur zu dessen 150. Todestag mit Geburtshaus und Festival.

Sie waren beide irgendwie wahnsinnige Genies (was ja oft sehr naheliegend ist) und haben den Ausgangsort ihres Kults in der tiefsten Provinz, diesseits und jenseits des Rheins. Was sehr passend ist, denn obwohl Richard Wagner und Hector Berlioz im Leben sehr viel trennte, so haben sie in ihrem Nachruhm sehr viel gemein. Und zwar nicht nur den einerkomseits selbstgewählten Gralstempel Bayreuther Festspielhaus und andererseits den Geburtsort La Côte-Saint-André. Wobei letzterer noch kleiner und unauffälliger ist als das ehemalige oberfränkische Residenzstädtchen. Hier gab es keine Markgräfin Wilhelmine und keinen Jean Paul, nur den unangepassten, wild bohémienwütigen Sohn des Arztes Dr. Berlioz. Dass der eine Honoration des Ortes war, daswird bis heute an seiner schmucken Residenz deutlich.
Ansonsten ist das ein kleiner Ort, weit weg von allem. Die Betonung liegt auf klein und weit weg. La Côte-Saint-André hat nämlich gerade mal 4805 Einwohner. Man findet es im Département Isère in der Region Auvergne-Rhône- Alpes, genauer dort im Arrondissement Vienne als Hauptort des Kantons Bièvre. Um es noch klarer zu machen: eine Stunde vom Flughafen Lyon entfernt, auf halbem Weg nach Grenoble. Es ist ein weites, flaches, fruchtbares Tal, eingegrenzt von hohen Bergen am Horizont. Hier wird einem mal wieder klar, wie groß und wie zentralistisch Frankreich doch ist.
Es geht hier viele Steigungen rauf und runter, die Sehenswürdigkeiten hat man aber schnell abgeklappert. Als da wären die trutzig- romanische Kirche Saint-André, die neogotische Kirche Saint-Camille, und das kastenförmige Schloss Ludwigs XI., dessen mittelalterliche Struktur im 19. Jahrhundert für eine religiöse Kongregation bequemer gemacht wurde und in dessen nüchternem Inneren heute verschiedene Stellen der Gemeinde beheimatet sind. Hinten im Hof gibt es ein privates Museum, das sich Schokoladenparadies nennt, aber eher ein Shop ist. Dann gibt es noch das Hôtel de Bocsozel, diverse Bürgerhäuser aus dem 16. Jahrhundert, die hübsche, offene Markthalle mit ihrer Fachwerkkonstruktion – und eben „La Maison natale Berlioz“, in der Rue de la République 69.
Das um 1680 erbaute dreistöckige Haus wurde um 1730 vom Urgroßvater von Hector Berlioz erworben, der es daraufhin fast vollständig umgebaut und mit einem Garten ergänzt hatte. Die Familie Berlioz lebte dort bis 1848, dem Todesdatum von Dr. Berlioz, dem Vater des Komponisten. Damals erbte Hectors Schwester den Besitz, aber erst 1874 wurde er verkauft. 1932 wurde es schließlich der „Vereinigung der Freunde von Berlioz“ gespendet und 1935 als Museum eröffnet. 2002/03 komplett renoviert, konnte man es anlässlich des 200. Geburtstages des Komponisten neu der Öffentlichkeit vorstellen.
Bei dieser Gelegenheit konnten durch die Verlegung von Büros auch die Räume im ersten Stock, wie das Büro von Dr. Berlioz und das Hector-Zimmer, in den Rundgang aufgenommen werden. Auch die Originaldekorationen seines Zimmers wurden bei der Restaurierung wiederentdeckt. Die alten Keller werden ebenfalls renoviert, um jedes Jahr eine neue Wechselausstellung unterzubringen. Darüber hinaus ermöglichen die neuen Arrangements die Schaffung permanenter Ausstellungsräume, die der Romantik, der Biografie und der literarischen und musikalischen Arbeit des Meisters gewidmet sind. In einem an den Garten angrenzenden Schuppen wird auch ein Auditorium eingerichtet.

Festivalesque Hofhaltung

Die Maison Berlioz ist so etwas wie das geistige Zentrum des seit 1979 immer Ende August zweiwöchig abgehaltenen „Festival Berlioz“. Und die intimen Innenhof-Konzerte „unter Hectors Balkon“ sind längst Kult. Doch die großen nationalen und international anerkannten Orchester, die die bedeutenden sinfonischen Berlioz-Werke hier zur Aufführung bringen, gastieren auf dem akustisch ordentlichen Schlosshof, wo auch ein großes Regendach samt Tribüne den 1400 Besuchern eine gewisse Verlässlichkeit bietet. Das Festival Berlioz veranstaltet aber ebenso in der Kirche und anderswo in der Stadt und dem Umland zahlreiche Konzerte, Kammermusiken, zeitgenössische Installationen, Liederabende, Musiktheater und anderes.
Berlioz selbst prägte und formte den Begriff des Festivals zumindest mit. Ab den 1830er Jahren organisierte er eine Reihe musikalischer Großveranstaltungen an einem Ort und zu einem Thema, die er selbst als „festivalesque“ – so seine Wortschöpfung – bezeichnete. Unter anderem in seinen Erinnerungen berichtet er von diesen Tagen, die oft in große Bankette mündeten. Natürlich wurde in La Côte- Saint-André immer mal wieder Berlioz aufgeführt. Das Festival als Institution entstand 1979 in Lyon unter Federführung von Serge Baudo, dem Dirigenten des Orchestre National de Lyon. Die Festivalleitung hatte er bis 1989 inne. Ihm folgten diverse Leiter nach, seit 2009 ist Bruno Messina verantwortlich.
Internationale Gastdirigenten von Mstislav Rostropowitsch über Michel Plasson bis hin zu Emmanuel Krivine traten hier regelmäßig auf. Messina, ausgebildet sowohl als klassischer wie auch Jazz-Musiker, war der Direktor des Maison de la Musique in Nanterre, eine Leuchtturmfigur der zeitgenössischen Musik, der sich auch als Musikethnologe betätigte. So schlug er bereits Brücken zum Pop, konzentrierte sich aber gleichzeitig auch auf die besten Berlioz-Liebhaber aus dem Bereich der Alten Musik, wie John Eliot Gardiner oder François-Xavier Roth mit seinem Orchester Les Siècles. Der schuf auch 2010 das „Jeune Orchestre Européen Hector Berlioz“, eine Orchesterakademie. 2009 war der Startschuss für die Zusammenarbeit mit dem Palazzetto Bru Zane, einer Forschungseinrichtung, die sich die Wiederentdeckung und Aufführung des musikalischen französischen Kulturerbes des 19. Jahrhunderts auf die Fahnen geschrieben hat.

www.festivalberlioz.com


König Hector

Bruno Messina, der auch eine neue Biografie vorgelegt hat, gab dem diesjährigen Festival das Motto „Le Roi Hector“. Es läuft vom 17. August bis zum 1. September. Zu den Höhepunkten gehören die Auftritte von John Eliot Gardiner, der sich dem „Benvenuto Cellini“ widmet, sowie von François-Xavier Roth, der einerseits mit Les Siècles „Fantastische Sinfonien“ von Berlioz und Beethoven spielen wird und andererseits mit dem Jeune Orchestre Européen Hector Berlioz den zweiten Teil der „Trojaner“ einstudiert. Valery Gergiev dirigiert „Roméo et Juliette“, Tugan Sokhiev „La damnation de Faust“. Es gibt die Berlioz-Fassung des Gluckschen „Orphée“, ein paar Uraufführungen, eine Prise vom Geburtstagskind Jacques Offenbach sowie Henri Dutilleux mit Renaud Capuçon.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2019



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