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Kirill Petrenko © Stephan Rabold/ Berliner Philharmoniker

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Er ist da! (aber vorerst nur halb)

Die Erwartungen waren riesig. Und komplett vergessen hatte man den holprigen Wahlgang, mit dem die Berliner Philharmoniker sich vor vier Jahren für Kirill Petrenko als Nachfolger des scheidenden Chefdirigenten Simon Rattle entschieden hatten. Nun also richteten sich viele Blicke Richtung Hauptstadt, wo der ansonsten eher medienscheue Petrenko geladen hatte, um endlich das Programm für die erste Konzertsaison vorzustellen. Wer in den letzten Monaten mitverfolgte, wie nicht nur die Berliner Presse jedes Gastspiel des Dirigenten bei den Philharmonikern quasi als musikalischen Weltwunder feierte, der kann sich vorstellen, wie es jetzt bei der Verkündigung des Jahresprogramms vor Spannung geknistert haben muss. „Ich war immer wieder einem solchen Druck ausgesetzt“, gestand Petrenko denn auch, als er auf die riesigen Erwartungshaltungen angesprochen wurde.
Nun also ist das Saisonprogramm 2019/20 raus – und die Ernüchterung bei einigen Petrenko-Jüngern wohl verständlich. Beethovens Neunte und Mahlers Sechste, konzertant den „Fidelio“ und außerdem Raritäten à la Josef Suk – das sind in groben Zügen die vom neuen Chef geleiteten Highlights. Hinzu kommen Abende mit Daniel Barenboim als Solist. Und wenngleich Petrenko im Vorwort zur Saisonbroschüre angekündigt hat, dass „natürlich die russische Musik nicht zu kurz kommen wird“, ist das entsprechende Angebot mit Strawinskis „Symphonie in drei Sätzen“ sowie Rachmaninows „Symphonischen Tänze“ nicht gerade spektakulär. Gleiches gilt übrigens auch für die völlige Abwesenheit von zeitgenössischen Werken. Dafür überlässt er das äußerst lobenswerte Konzertporträt von Edgard Varèse dem französischen Kollegen François-Xavier Roth.
Mit der Werkauswahl bestätigt Petrenko dennoch so manche Vermutungen. Denn dass er eher ein Freund der großen Tradition ist, dem die Hege und Pflege besonders des Kernrepertoires am Herzen liegt, konnte man eben bei seinen bisherigen Gastdirigaten leicht erahnen. Immerhin setzt Petrenko mit seinem Orchester in Form der ersten Israel-Tournee nach über 20 Jahren ein überragendes Zeichen. Und wahrscheinlich wird man ab der zweiten gemeinsamen Saison 2020/21 dann auch programmatisch einen etwas anderen Weg einschlagen. Dann nämlich wird Petrenko seinen aktuellen Zweitjob als Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper beendet haben – und kann sich somit ausschließlich um die Philharmoniker kümmern.

Guido Fischer



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