home

N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



Startseite · Künstler · Gefragt

Marc Minkowski

Gebirgstour mit Meeresrauschen

Zu einem Besuch in Marc Minkowskis Ferienanwesen an der französischen Atlantikküste von La Rochelle: Bei leisem Wellenrauschen folgte Matthias Siehler dem Dirigenten im Gespräch ins Gebirge Lord Byrons, wo er von seiner neuen Berlioz-Einspielung sprach und seine zwei Solisten von Otter und Tamestit gleich noch in den Himmel hob.

Wir sitzen zwischen Bullaugen und schwebenden Zwischendecken. Der Eindruck eines Schiffs, freilich modern und sachlich, ist vorherrschend. Das wollte der Vorbesitzer des Hauses so. Doch Marc Minkowski, der auch in Paris in einem Industrieloft lebt, gefällt sein neues Feriendomizil auf der Île de Ré, dem Sylt Frankreichs vor der Küste von La Rochelle: »Ich habe hier in gewisser Weise Wurzeln. Meine Familie hat hier schon immer Urlaub gemacht. Ich habe sofort den spezifischen Geschmack der Seeluft wieder in der Nase gehabt.« Und was ein echter Workaholic wie Minkowski ist, der kann natürlich auch in seiner Freizeit nicht von der Musik lassen. Und so hat er hier, mit Unterstützung seiner Plattenfirma Naïve, ein Minifestival gegründet. Es heißt wortspielend »Ré majeur« – »D-Dur« im Französischen. Dieses Jahr hat er hier seine Salzburger »Così fan tutte« vorprobiert und seine russische Mezzoentdeckung Julia Lezhneva mit der Fiordiligi erste Tuchfühlung aufnehmen lassen.
Zuvor hatte er im frisch sanierten Schlosstheater von Versailles mit seiner ihm verschworenen Orchestergemeinschaft Les Musiciens du Louvre ein Fernsehkonzert gegeben, dessen Programm jetzt auch auf CD veröffentlicht wird: Die seltene All-Berlioz-Kombination von dessen Liederzyklus »Les nuits d’été« und der Tondichtung nach Lord Byron mit obligater Bratsche »Harold en Italie« ist da zu hören. Für Minkowski ein ideales Doppel: »Natürlich gibt es von Berlioz, den ich heiß liebe, obwohl ich ihn bis jetzt nur dosiert dirigiert habe, viele geniale Stück. Aber nur diese zwei sind klassisch vollendet und ausgewogen in der Form. Und ich konnte sie zudem mit zweien meiner Lieblingsinterpreten einspielen.«
Besonders schwärmt Marc Minkowski von Anne Sofie von Otter, mit der berühmten Mezzosopranistin aus Schweden verbindet ihn eine nunmehr Jahrzehnte währende Partnerschaft. »Wir sind durch viele Händelund Monteverdi-Erfahrungen gegangen, haben mit Offenbach ganz herrlichen Spaß gehabt und uns in der Weichheit von Canteloubes »Chants d’Auvergne« eingekuschelt, wobei Anne Sofie denen immer eine herbe Note gibt. Ich finde es wunderbar, ihre Stimme reifen zu hören. Sie war für mich auch deshalb erste Wahl, weil sie diesen, so viele Schattierungen erfordernden Zyklus bereits früher einmal eingespielt hat. So kann man jetzt ganz bewusst vergleichen, wie sie sich seit damals weiterentwickelt hat, wie ihre Sichtweise tiefer und nuancierter geworden ist.«
Auch für Antoine Tamestit ist dem sonst eher zurückhaltenden Marc Minkowski kein Vergleich zu hoch: »Er scheint für mich die Inkarnation von Niccolò Paganini, für den ›Harold en Italie’ ja ursprünglich geschrieben, aber von ihm als zu wenig wirkungsvoll abgelehnt wurde. Antoine gebietet aber nicht nur über dessen virtuose Rattenfängereien, er hat einfach einen so kultiviert strahlenden Ton, dass mit ihm die Viola fast zur Violine aufgewertet wird.«

Hector Berlioz

Harold en Italie, Les nuits d’été

Anne Sofie von Otter, Antoine Tamestit, Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski

Naïve/Indigo

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2011



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Musikstadt

Turin

Barock, Moderne und Musik: Die piemontesische Metropole Turin ist ein Geheimtipp für kultivierte […]
zum Artikel

Hausbesuch

Staatstheater am Gärtnerplatz

„Den Geist der Zeit einfangen“

Am Münchner Gärtnerplatz verbindet ein neues Konzertformat Musik mit Literatur und lässt das […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


Abo

Top