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Unterm Strich

Ramsch oder Referenz ? CDs, vom Schreibtisch geräumt.

Manchmal kommt eines der Majorlabels auf die überflüssige Idee, mal wieder Misuk verkaufen zu wollen. Misuk sollte man nicht verwechseln mit Ambient Music und/oder der hohen Kunst der Musique d’Ameublement. Vielmehr handelt es sich, frei nach Brecht/Eisler, um ein zweckdienliches, musikähnlich oberflächengetarntes Gedöns, dargeboten ohne Sinn, ohne Seele oder anderweitigen Emotionsverschleiß. Clubtaugliches gehört oftmals zur Misuk, Klaviergeklimper im Foyer von Luxushotels, zum Beispiel – außerdem dieses Album namens „Melody“ (Sony) von Olga Scheps. Sie klimpert sich eine gute Stunde lang hart und verhallt durch fünfzehn Stücke, die diese Behandlung zum allergrößten Teil nicht verdient haben.

Der Abbé träumte davon, seine mobile Musik im Kolosseum zu Rom aufzuführen. Chöre haben Füße, das Harmonium nicht, es sollte per Handkarren von Station zu Station gezogen werden. Daraus wurde nichts. Niemand hörte mehr auf ihn zu dieser Zeit. Niemand interessierte sich für das neueste Stück des verrückten Alten, nicht mal dessen Schwiegersohn, selbst ein Verrückter. Erst fünfzig Jahre später, da war Franz Liszt lange tot, wurde „Via Crucis“ in Budapest uraufgeführt. Eine Zukunftsmusik: In fünfzehn Sätzen entzieht sie der diatonischen Harmonik das Fundament, sie schlägt einen großen Bogen von der Gregorianik zur Atonalität. Liszts Spätwerk gilt immer noch als sonderbar, bekannt und geliebt ist sie vor allem unter Komponisten und Pianisten. Einer davon: Reinbert de Leeuw. Er hatte „Via Crucis“ 1986 erstmals eingespielt, mit dem Netherlands Chamber Choir. Jetzt ein zweites Mal, nebst drei anderen kurzen, abenteuerlichen Chorwerken, mit dem Collegium Vocale Gent (Alpha Classics/Outhere). Noch feiner, straffer, klarer.

Erste Bruckner-Erfahrungen hatte der junge Robin Ticciati bei den Wiener Symphonikern gesammelt, da traf er etliche große Gespenster an, gegen die er andirigieren musste, von Karajan bis Giulini. Seit eineinhalb Jahren arbeitet er jetzt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester – „his Berlin band“, wie der Guardian frohlockt – und die dritte gemeinsame CD befasst sich endlich mit Orchester-Kernrepertoire, nämlich mit Anton Bruckners gern verkannter Sechster (Linn Records/Note 1). Warum ausgerechnet die Sechste? „Hello – Goodbye!“ Vorvorvorgänger Kent Nagano hatte sich 2005 just mit dieser A-Dur-Symfonie vom DSO verabschiedet, die CD kam 2012 bei harmonia mundi nochmal heraus. Man traut seinen Ohren nicht! So unfassbar pomadig, bräsig und unpräzise ging Nagano damals, so mitreißend klar, elegant, rhythmusfeurig und konturenscharf geht jetzt der Neue vor. Allein die Klage der Oboe über dem „walking bass“, wie Ticciati die ostinaten Streicher nennt, im zweiten Satz: Das blüht und glüht!

Wenn ein junger professioneller Blechbläser noch keine dreißig ist, ständig als Solist auf Tour, mit namhaften Dirigenten, Orchestern und Kammermusikkollegen auftritt, außerdem schon mehrere Jahre Orchestererfahrung hinter sich hat und jetzt das vierte eigene Album vorlegt, dann handelt es sich nicht um einen Glückspilz. Vielmehr um einen großen Musiker. Felix Klieser, Hornist, 27, hat eine atemraubend steile Karriere hingelegt. Kürzlich stürmte er, gemeinsam mit der Camerata Salzburg, den Gipfel: alle drei Hornkonzerte Es-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart (Berin Classics/edel), plus das zweisätzige, vierte in D-Dur. Kliesers Ton ist traumhaft warm, weich, dunkel, ausgeglichen. Signal- und Passagenwerk absolviert er mit quicklebendiger Geschwindigkeit, wenn da wer schleppt, ist es die Camerata. Und doch: Da ginge noch was. Es gibt – zugegeben, sie sind alt – Referenzaufnahmen, mit Peter Damm, Gert Seifert, an die reicht Kliesers Spiel legatogesanglich nicht ran. Außerdem könnte er dynamisch variabler phrasieren, auch mutiger gestalten. Mehr mozärtlich, bitte!

Eleonore Büning, RONDO Ausgabe 2 / 2019



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