home

N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Monika Rittershaus

Schuss in den Ofen

Berlin, Staatsoper Unter den Linden: Mozarts „Die Zauberflöte“

Dass ein Opernhaus gleich zwei Inszenierungen der „Zauberflöte“ aktuell im Programm hält, dürfte einzig dastehen in der Theatergeschichte. Die Berliner Staatsoper wollte ihre alte, in den Schinkel-Originalbühnenbildern angefertigte „Zauberflöte“ nicht verschrotten. Die Doppelung kreiert ein Problem: Je besser beide Produktionen, desto schlimmer deklassieren sie einander. Yuval Sharons „Zauberflöte“ (neu) drohte im Premieren-Buhsturm zeitweise zu kentern und unterzugehen.
„Durch die Augen eines Kindes“ betrachtet der Regisseur das Stück, welches bekanntlich ganz schlicht als Entführungsthriller anfängt, um in ein kompliziertes, freimaurerisches Initiationsritual umzuklappen. Das können höchstens Kinder verstehen, die mit allem rechnen! Tamino und Pamina sind hier Marionetten, die an Drähten hängen (Auftritte meist von oben). Quietschrote Plastikstulpen, kopfumrundende Pelzmützen ergeben eine satanalkohöllische Mixtur aus „South Park“, Playmobil und Augsburger Puppenkiste.
Als auffälligste Besetzung galt im Vorfeld der Schauspieler Florian Teichtmeister als Papageno. Tonlos, angeheisert wienernd muss er das Opernhafte der Rolle schuldig bleiben. Freilich, auch Schikaneder selbst agierte bei der Uraufführung 1791 als Schauspieler. Unversehens realisiert man, worin das Wiener Vorstadttheater hier besteht: im ‚niederen Ton’. Serena Sáenz Molinero singt Pamina mit Papagena- Stimme – ganz leicht, spitzig, jugendlich. Tuuli Takala als Königin der Nacht bleibt damenhaft. Kwangchul Youn hat als Sarastro die nötige Tiefe erstaunlicherweise nicht. Julian Prégardien immerhin kräht den Tamino mit Inbrunst und Hingabe, die zu Herzen geht. Und mit der Textverständlichkeit eines Liedersängers.
Maestra Alondra de la Parra (eingesprungen für den sich auf Knieprobleme berufenden Franz Welser-Möst) dirigiert detailpusselig und zart, aber zu fleischlos und munter an den Sängern vorbei (da sie nicht von der Oper kommt). Die Produktion, kein Zweifel, ist ein Schuss in den Ofen. Sie anzusehen gibt es nur einen Grund: Die wird nicht alt.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2019



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Alfred Brendel

Ruheloser Geist

Der große Pianist und Essayist wird 85. Mit RONDO sprach er über Buchprojekte – und ein Leben […]
zum Artikel

Da Capo

Dortmund, Theater: Aubers „Die Stumme von Portici“

Das Publikum war ungewöhnlich an diesem so denkwürdigen und dann wieder normalen Abend, der […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


Abo

Top