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(c) Marco Borggreve

Kristian Bezuidenhout

Haydn hat Hunger

Hammerklavier-Virtuose Kristian Bezuidenhout hat die Klaviersonaten von Joseph Haydn abgespeckt – und auch sich selbst.

Wie hat der Kerl bloß sein Gewicht gehalten?! Nachdem Kristian Bezuidenhout vor einigen Jahren ‚erdrutschartig’ abnahm, erkannte man ihn auf CDCovern zunächst kaum wieder. Der Südafrikaner hat den Typ gewechselt. Und zwar ohne Jojo-Effekt. „Ganz einfach“, erklärt Bezuidenhout, „inzwischen heißt es nach dem Konzert für mich: Wein oder Pasta? Nicht beides.“ (Meist, fügt er hinzu, entscheide er sich für den Alkohol.) „Ich mag es, ein bisschen hungrig ans Cembalo zu gehen. Das Abnehmen war Teil meines Erwachsenwerdens. Es hat eine Phase tiefer Selbstverleugnung für mich beendet.“
Auf dem Weg der Abspeckung ist er zugleich zu einem der führenden Hammerklavier- und Cembalo-Spieler gereift. Vor allem seine Mozart-Gesamteinspielungen haben neue Standards gesetzt – und ein neues Kapitel der Mozart-Interpretation aufgeschlagen. Naheliegend, dass er sich anschließend den Sonaten und Klavierwerken Joseph Haydns zuwandte.

Von Mozart unbeeindruckt

„Ich hätte nicht gedacht, dass Haydn so schwer ist“, meint Bezuidenhout. „Ich glaube kaum, dass ich jemals zu einer Gesamteinspielung seiner Klavierwerke ansetzen werde.“ Das liege daran, dass Haydn nicht nur Witz, sondern auch „ein Geheimnis“ habe. Hier gehe es nicht darum, einen gewissen Ton zu treffen oder die Werke auf eine möglichst direkte, unverstellte Weise zu spielen (wie bei Mozart). „Bei Haydn muss man zusätzliche 25 Prozent investieren – und doch natürlich bleiben.“ Außerdem müsse man, wenn man alles spielt, zwischen Cembalo und Fortepiano öfters hin und her wechseln; so wie es Vorgänger getan haben. „Nichts für mich, ich fände es verwirrend.“
So hat er eine Auswahl getroffen. Herausgekommen ist ein bestrickend schönes, den porzellanen klingenden Walter-Flügel zu beschwingtem Philosophieren animierendes Pointenspiel. Witzig wird Haydn ja, indem er ernst und beinahe inbrünstig genommen wird. Bezuidenhout kombiniert die bekannten c- Sonaten in c-Moll (Nr. 33, Hob. XVI:20) und C-Dur (Nr. 58, Hob. XVI:48) mit der barocken Partita G-Dur Hob. XVI:6 (die bisweilen als Sonate gezählt wird). Dazwischen streut er die Variationen über „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ – jenes (zur Nationalhymne der Bundesrepublik gewordene) Thema, auf welches Haydn so stolz war, dass er jeden Tag seines Komponistenlebens damit begann, es sich vorzuspielen.
Die Werke, so wie Bezuidenhout sie kombiniert, erwecken fast den Eindruck, als solle Haydn behutsam vor dem historischen Hintergrund abgehoben werden, welcher ihn hervorbrachte. Man hört, wie unbeeindruckt er von Mozart oder Beethoven war (die jünger waren als Haydn, auch wenn dieser erst nach Mozarts Tod der berühmteste Komponist seiner Zeit wurde).
Freilich kann dies heute fast nur auf Platte so wahrgenommen werden. „Kein Konzertsaal dieser Welt stellt Fortepianos zur Verfügung, auf denen ich konzertieren könnte“, so Bezuidenhout. Cembalos schon, zur Not. Hammerklaviere nicht. „Sie sind hypersensible Wesen, die jede Vernachlässigung, jeden Wetterumschwung übel nehmen.“ Als man nach der letzten Tournee mit dem Freiburger Barockorchester wieder nachhause kam, sei ein Pedal des Reise-Fortepianos einfach abgefallen. „Ich bin ein schlechter Mechaniker und in dieser Hinsicht hoffnungslos überfordert!“ Er brauche drei Tage – die er nicht hat! –, um sich auf einem neuen Instrument einzuspielen. Wer das Fortepiano von seiner besten Seite kennenlernen will, vertraue also – auf Qualitäten handelsüblicher CDs! Hier gibt es noch gute Instrumente.
Beim Freiburger Barockorchester firmiert Bezuidenhout seit 2017 als künstlerischer Leiter. Neuerdings hat man auch Mendelssohns 2. Klavierkonzert aufgenommen (vermehrt um die 1. Sinfonie, es dirigiert Pablo Heras-Casado). Mendelssohn wird dabei stärker in der Mozart-Nachfolge verortet, als man es wohl je hörte. „Auf die Idee, Mendelssohn als Romantiker anzusehen, käme ich nicht einmal“, so Bezuidenhout lakonisch.
Als Jugendlicher sei er vor allem von Bach-Kantaten „besessen“ gewesen. Dann wurde auch Martha Argerich wichtig. „Ich beneide Pianisten um das große Publikum, das sie erreichen können, und spiele übrigens die meisten meiner Konzerte auf normalen Flügeln – nicht am Fortepiano.“ Auch die meisten Säle wären hierfür nämlich zu groß. (Löbliche „Ausnahme: der Mozart-Saal im Wiener Konzerthaus“, so Bezuidenhout). So sehen wir hier einen Pianisten vor uns, der berühmt für etwas wurde, womit man ihn live kaum hören kann: mit Fortepiano- Künsten. Ein wahrer CD-Musiker – in Zeiten der CD-Krise. Es sind Leute wie er, für die das Medium überleben sollte.

Erscheint am 12. April:

Felix Mendelssohn Bartholdy

Klavierkonzert Nr. 2 d-Moll, Sinfonie Nr. 1 c-Moll

Kristian Bezuidenhout, Freiburger Barockorchester, Pablo Heras-Casado

hm

Zuletzt erschienen:

Joseph Haydn

Klaviersonaten Nr. 6, 20 & 48, Variationen G-Dur „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ und f-Moll

Kristian Bezuidenhout

hm


Kaiser Joseph

Haydns ca. 60 Klaviersonaten gibt es in etlichen Klavier-Gesamtaufnahmen (z.B. von Badura-Skoda, Buchbinder, Ekaterina Derzhavina und Evgeni Koroliov). Die maßgebliche Fortepiano-Version stammt von Ronald Brautigam (BIS, 15 CDs). Zwischen diversen Cembali und Hammerklavieren wechselt die großartige Christine Schornsheim (Capriccio, 14 CDs). Auf dem Klavier spielten die Sonate Nr. 33 sehr schön Leif Ove Andsnes (EMI), Marc-André Hamelin (Hyperion) und András Schiff (Warner). Die Nr. 58 gehörte zu den von Glenn Gould, Vladimir Horowitz (beide Sony), Svjatoslav Richter und Alfred Brendel (Philips) favorisierten Sonaten. Bei den ‚Kaiser Franz- Variationen’ ist Brautigam die stärkste Konkurrenz.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2019



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