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(c) Gregor Hohenberg/DG

Lang Lang

Zurück zu den Wurzeln

Mit seinem „Piano Book“ wirft Lang Lang einen frischen Blick auf jene Werke, die ihn einst als Kind inspiriert haben.

Seit Jahren schon zählt Lang Lang unter den Pianisten seiner Generation zur absoluten Elite. Und was die weltweite Popularität angeht, dürfte ihm so schnell wohl niemand den Rang ablaufen. Dank Auftritten bei sportlichen Großereignissen und Open Air-Konzerten vor Tausenden von begeisterten Zuhörerinnen und Zuhörern ist sein Name auch abseits des klassischen Konzertpublikums eine feste Größe. Auch das ein Grund, warum seine Alben mit schöner Regelmäßigkeit die Klassik-Charts stürmen. Darüber könnte man allerdings fast vergessen, dass selbstverständlich auch er einmal klein angefangen hat. Mit Stücken wie Ludwig van Beethovens „Für Elise“ oder dem „Regentropfen-Prélude“ von Frédéric Chopin, die viele von uns ebenfalls bei ihren ersten Gehversuchen am Klavier kennen und lieben, oder manchmal auch zu verfluchen gelernt haben. Kompositionen, die nun den Kern von Lang Langs jüngstem Album prägen, dem er den Namen „The Piano Book“ gegeben hat.
„Die Idee war, eine CD mit jenen Stücken aufzunehmen, die mich als Kind begeistert haben oder später in wichtigen Momenten meiner Karriere eine entscheidende Rolle gespielt haben. Mozarts ‚Sonata facile‘ zum Beispiel, war das erste Stück, das ich öffentlich gespielt habe. Anderes wie ‚Für Elise‘ sind einfach Stücke, an denen kein Pianist vorbeikommt. Egal ob Amateur oder Profi. Das kennt einfach jeder.“ Ein Album für alle, die das Klavier lieben, sollte es werden. Für Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, aber auch für all jene, die sich zuhause einfach so mal gerne wieder an die 88 Tasten setzen, um die Finger geschmeidig zu halten. „Natürlich sind viele davon Stücke, die auch von Kindern gespielt werden. Aber deswegen sind es noch lange keine Kinderstücke.“ Das betont Lang Lang im Gespräch immer wieder. Und steuert zum Beweis dieser These gleich noch eine augenzwinkernde Anekdote aus seiner Jugend bei, als er seiner Lehrerin stolz verkündete, endlich die Mozart-Sonaten komplett zu haben. „Ich sagte ihr, dass ich das jetzt alles gelernt hätte und mit Mozart fertig wäre. Sie hat aber nur gelächelt und gemeint: Nein, du hast vielleicht die Noten gelernt, aber jetzt geht es erst los. Da wurde mir klar, diese Stücke werden mich für immer begleiten und mit mir wachsen.“ Und so ist es für ihn auch alle paar Jahre wieder an der Zeit, sich Vertrautes, wie zum Beispiel die drei letzten Schubert-Sonaten neu vorzunehmen. So wie es schon viele große Vorbilder vor ihm getan haben.

Dramaturgie des Daumenkinos

Gleiches gilt nun ebenfalls für die klassischen Dauerbrenner, die sich auf der neuen CD finden. Denn einfach ist auch hier vieles nur auf den ersten Blick. „Denken wir nur an Horowitz, der bei seinem legendären Konzert in Moskau als Zugabe ausgerechnet Schumanns ‚Träumerei‘ gespielt hat. Was er aus diesem Meisterwerk herausholt, ist einfach unglaublich. Wenn man das einmal gehört hat, vergisst man es nie wieder.“ Daher sollte für den chinesischen Megastar auch das „Piano Book“ mehr sein als nur eine Aneinanderreihung von populären Zugaben. Selbst wenn sich im Zeitalter des Downloads wahrscheinlich trotzdem so manche Fans ihre persönlichen Highlights digital herauspicken werden. Nimmt man sich jedoch Zeit für das gesamte Album, zeigt sich schnell, was Lang Lang meint, wenn er von der genau ausgeklügelten Dramaturgie erzählt, die über diesem Projekt schwebt. Angefangen von den beiden Bach-Werken, welche die Trackliste rahmen, bis hin zu den eingeflochtenen Kompositionen neueren Datums. Wie etwa Max Richters „The Departure“ oder dem berühmten „Amélie“-Walzer von Yann Tiersen, die keineswegs als crossover verstanden werden sollen, sondern interessante Kontrastfarben beisteuern. Ebenso wie die Bonus-CD, die zu einer musikalischen Reise rund um den Globus einlädt.
Entstanden ist das neue Album in zwei Etappen. „Wir hatten zunächst eine Aufnahmesitzung in Beijing und dann ein paar Wochen später noch einmal in London, worüber ich sehr froh war. Denn ich habe fast die Hälfte der erste Runde noch einmal neu aufgenommen.“ Für Lang Lang das größte Plus eines Studio-Albums. Natürlich haben auch Live-Dokumente für ihn ihren ganz besonderen Reiz, doch gerade bei scheinbar so vertrauten Stücken wie hier hatte die längere Produktionsphase ihre nicht zu unterschätzenden Vorteile. „Im Studio hat man die Möglichkeit, nochmal genau nachzuhören, über Dinge nachzudenken und Verschiedenes auszuprobieren. Manchmal hat man auch zwei Versionen, die beide auf ihre ganz eigene Art funktionieren. Die eine durch ihr schnelleres Tempo, die andere gerade durch die Rubati. Da ist es nicht leicht auszuwählen, was letzten Endes auf die CD kommt.“
Denn einfacher werden die Stücke auch durch das meist eher kompakte Format nicht. „Ein komplettes Konzert oder Rezital ist vielleicht körperlich anstrengender, aber das macht diese Miniaturen nicht automatisch leichter. Es ist nur ein anderer Ansatz, weil man weniger Zeit hat, um das Publikum in die Musik hineinzuziehen. Da muss man versuchen, alles, was man zu geben hat, auf kleinstem Raum hineinzulegen.“
Menschen zu erreichen, das ist ein Credo, das Lang Lang auch abseits des Konzertpodiums lebt. So war es ihm auch während seiner verletzungsbedingten Auszeit, die nun zum Glück wieder beendet ist, alles andere als langweilig. „Eine Verletzung ist für jeden Musiker ein absoluter Alptraum, aber ich hatte während der Reha auch Gelegenheit, über viele Dinge nachzudenken. Ich spiele jetzt deutlich weniger Konzerte und gönne mir dazwischen auch einmal Pausentage, die ich mir früher nicht immer genommen habe. Wenn es einen positiven Aspekt gibt, dann dass ich dadurch mehr Zeit zum Fundraising für meine Stiftung hatte, mit der wir inzwischen für fast fünfzig Schulen in den USA den Musikunterricht fördern und noch einmal genauso viele in China. Ich hoffe, dass wir bald auch in Europa aktiv werden. Aber hier ist es ein anderes System, für das wir uns etwas Sinnvolles überlegen müssen.“ Dass es ihm damit ernst ist, wird niemand bezweifeln, der hört, wie leidenschaftlich Lang Lang über dieses Herzensprojekt spricht und nebenbei sogar seine Tasse Tee kalt werden lässt. Das „Piano Book“ ist hierfür eine Art klingende Visitenkarte.
„Natürlich könnte man auch einen Abend nur mit Zugaben machen. Trotzdem denke ich nicht, dass es mit dieser Zusammenstellung eine klassische ‚Tournee zum Konzert‘ geben wird. Aber ich könnte mir das gut als Format für Kinderkonzerte vorstellen. Oder damit in Schulen zu gehen und ihnen die Musik näher zu bringen, durch die ich mich in mein Instrument verliebt habe. Diese Begeisterung möchte ich mit allen teilen, die selber Klavier lernen.“

Neu erschienen:

Piano Book

Lang Lang

DG/Universal


Kinder an die Tasten!

Bereits 2008 gründete Lang Lang in New York die nach ihm benannte International Music Foundation, deren Ziel es ist, Kindern und Jugendlichen den Zugang zur klassischen Musik zu ermöglichen. Sei es durch Begabten-Stipendien oder Benefizkonzerte, vor allem aber durch die Förderung von Musikunterricht an öffentlichen Schulen. Inzwischen agiert das Netzwerk aus Lehrenden und Musikschaffenden, das Lang Lang als seine „zweite Karriere“ bezeichnet, weltweit. So unter anderem auch gemeinsam mit dem Wiener Haus der Musik, deren Kooperation mit dem musikpädagogischen Projekt „Stairplay – Music Step By Step“ begann. Mehr Informationen unter: www.langlangfoundation.org


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 2 / 2019



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