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Am liebsten nur - Musiker: André Previn (c) Lilian Birnbaum/ IMG Artists

Pasticcio

First-Class-Allrounder

Natürlich saß Anne-Sophie Mutter am 1. Mai 2009 neben André Previn, als seine Oper „Brief Encounter“ in Houston uraufgeführt wurde. Schließlich gab die Geigerin den Anstoß zu Previns zweiter Oper. Nachdem man sich gemeinsam den gleichnamigen Liebes-Film von 1945 angesehen hatte, soll es für die angeblich gerührte und schluchzende Anne-Sophie Mutter nur einen Wunsch gegeben haben: „Du musst das vertonen!“ Das war 2006. Und ihr damaliger Ehemann gehorchte. Zusammen mit Librettist John Caird richtete Previn das gleichnamige Theaterstück von Noël Coward, in dem es zwischen zwei verheirateten Menschen nur zu einer kurzen, aber heftigen Begegnung kommt, für die Opernbühne ein. Auch mit seiner Erfahrung als ein vierfach Oscar-dekorierter Filmmusikkomponist schuf Previn dafür eine Musik, die mit ihren melosreichen Temperaturen das Herz dieser Love-Story ohne Happy-End trifft.
Selbst diese Oper Previns sollte sich trotz zugänglicher Handlung international nicht zum Blockbuster entwickeln; wieviel mehr das aber für seine übrigen Kompositionen galt, wusste Previn genau. Wie er einmal in einem Interview mit einem (wohl nur gespielten) Understatement andeutete, war er froh, wenn ein neues Werk auch noch eine Woche später irgendwo gespielt würde. So mag Previn als ernsthafter Komponist diesseits des Atlantiks meist nur dann eine Rolle gespielt haben, wenn Ex-Gattin Anne-Sophie Mutter ein ihr gewidmetes Violinstück aufführte. In seiner später angenommenen amerikanischen Heimat hingegen war der am 6. April 1929 in Berlin geborene Andreas Ludwig Priwin nicht allein als Komponist von geschmeidig-tonalen Orchesterwerken berühmt. Der mit seinen Eltern aus Nazi-Deutschland geflohene Musiker galt als bewunderter Allrounder, dem musikalisch alles mit einer ungemeinen Leichtigkeit gelang. Bevor er 1962 endlich auch als Dirigent debütierte, galt er in Hollywood als feste Größe und schrieb etwa die Filmmusik zu Billy Wilders „Eins, Zwei, Drei“. Und wenn Pianist Previn nicht gerade mit Geigenlegenden wie Joseph Szigeti konzertierte, spielte er zahlreiche Jazz-Alben mit solchen Größen wie Joe Pass, Herb Ellis und nicht zuletzt Ella Fitzgerald ein.
Nachdem der beneidens- und bewundernswert Mehrfachbegabte 1962 schließlich die Leitung des Saint Louis Symphony Orchestra übernahm, begann auch eine glorreiche Dirigentenlaufbahn. Previn leitete hauptamtlich Top-Orchester in London, Los Angeles und Pittsburgh. Und selbstverständlich war er ebenfalls regelmäßiger Gast bei den Wiener Philharmonikern.
Jetzt ist Andre Previn – einen Monat vor seinem 90. Geburtstag – in New York verstorben. Und auch wenn die Ende letzten Jahres veröffentlichte 55 CD-Box „André Previn: The Classic – The Complete RCA and Columbia Album Collection” tatsächlich nur einen Ausschnitt aus seinem riesigen Schaffen widerspiegelt, erinnert sie doch an einen großen Musiker, der nur eine Devise hatte: „Ich möchte weder nur ein Komponist, nur ein Dirigent oder nur ein Pianist sein. Ich bin stolz und glücklich, einfach ein Musiker zu sein.“

Guido Fischer



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