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Hauschka (c) Gregor Hohenburg/Sony

Boulevard

Ein Schuss Jazz, eine Prise Film, ein Löffel Leichtigkeit: Bunte Klassik

Verzauberung von der Insel

Auch auf seinem neuen Album wird der englische Chor Voces8 seinem Ruf gerecht, im besten Sinne für seelische Wellness zu sorgen. Die vier Frauenund vier Männerstimmen umschmeicheln in „Enchanted Isle“ die Ohren des Publikums mit Melodien aus lange vergangenen Zeiten unter dem steten Bezug zur britischen Insel, deren im Titel benannte „Verzauberung“ man dem Vokaloktett sofort abnimmt. Dabei steht das Ensemble neben äußerst sparsamen Instrumentalfarben fast a cappella stets im Vordergrund. Neben traditionellen Liedern sind auch Kompositionen der englischen Zeitgenossen Thomas Adès und John Tavener im Programm, und mit „Danny Boy“ auch ein Verweis auf Irland, während eine sehr verträumte Coverversion des Songs „Caledonia“ von Dougie MacLean die Schönheiten Schottlands heraufbeschwört.

Enchanted Island

Voces8

Decca/Universal

Rockige Revolution aus dem Backgroundregister

Wer braucht ein Saxofon, wenn er ein Fagott haben kann? Wer eine E-Gitarre, wenn ein Kontrabass auf der Bühne steht? Es hat schon viele Versuche gegeben, braven Klassik-Instrumenten „falsche“ Genres aufs Auge, ins Rohr oder aufs Griffbrett zu drücken, und in vielen Fällen geht so was gehörig schief. Aber was das Ensemble „Orbi“ hier musikalisch in der Besetzung Fagott, Kontrabass, Hammondorgel und Perkussion auf die Beine stellt, hat überhaupt nichts vom augenzwinkernden Spiel mit „Fehlbesetzungen“: In Songs von Pink Floyd, The Doors, Metallica und weiteren Rocklegenden entsteht ein faszinierendes düster-brüchiges Klangbild. Der Bandname ist ein Akronym, dem die Wörter „Oscillating Revenge Of The Background Instruments“ zugrunde liegen. Was wir hier in aufpeitschenden Rhythmen von Bram van Sambeek, Rick Stotijn, Sven Figee und Marijn Korff de Gidts geboten bekommen, ist also eine Klangrevolution, die Rache der Verdrängten. Und die muss man wirklich ernst nehmen.

The Oscillating Revenge Of The Background Instruments

ORBI

BIS/Klassikcenter Kassel

Auf dem Weg in die „Neue Welt“

Kaum vier Jahre lang gibt es das aus Stipendiaten der Akademie Liechtenstein gegründete Kammerorchester „Ensemble Esperanza“ erst, und in dieser kurzen Zeit umarmt es schon fast die ganze Welt – zumindest diskografisch. Die Alben des Ensembles sind nach der Windrose geordnet: Es ging in Richtung Norden mit skandinavischen Klängen, nach Süden in die Musikwelten des Mittelmeer-Raumes. Nun ist der Westen dran, und jenseits des Atlantiks warten die schillernden Klassik-Jazz-Gemische, die in den USA die Musik des 20. Jahrhunderts prägten. Mit drei Streicherstücken des irischen Amerika-Einwanderers Victor Herbert erinnert Esperanza an einen heute kaum noch bekannten amerikanischen Zeitgenossen des „Neue-Welt- Komponisten“ Dvořák. Aber auch große native Amerikaner wie Gershwin, Samuel Barber (mit seinem berühmten Streicher-Adagio) oder Alan Hovhaness sind dabei. Der 1961 geborene Saxofonist und Komponist Daniel Schnyder schrieb den Streichern neben eigenen Werken auch Arrangements der Jazz- und Rock-Größen wie Duke Ellington, den Rolling Stones oder Jimi Hendrix in die Finger. Und dabei eröffnet mit vier Ersteinspielungen auch auf anderer Ebene eine „Neue Welt“.

Western Moods

Ensemble Esperanza

Ars Produktion/Note 1

Wandern auf der Klaviatur

Es ist wahrscheinlich eine Art von Neo- Romantik, die so viele Musiker ans Klavier treibt, um sich dort der Schönheit gebrochener oder choralhaft zusammengepackter Akkorde hinzugeben, die dann – in kleine fortlaufende Motiventwicklungen mit sanften Harmonieverschiebungen gehüllt – im Pedalnebel verdämmern. Die Romantiker zogen ihre Inspiration ja aus den Stimmungen der Natur, und so ist das neue Album „A Different Forest“ des Pianisten und Komponisten mit dem Pseudonym Hauschka vielleicht besonders typisch für die derzeitige Peaceful-Piano-Welle. „In ‚A Different Forest‘ beschäftige ich mich mit dem Wald als Naturraum und Kontrast zum städtischen Alltag“, schreibt der Komponist und stellt sich damit in eine Reihe, die über Weber und Schubert bis Beethoven zurückreicht. Wen das sanfte Austasten der Harmonieverschiebungen auf dem Klavier also an Streifzüge durch die Natur erinnert, der liegt nicht falsch: „Musikalische Ideen sind für mich Wegpunkte beim Spielen und das Spielen selbst ist die Wanderung.“ Gleichzeitig sei das Album auch als Plädoyer für den Schutz und die Bewahrung dessen, was wir als Natur bezeichnen, gemeint.

A Different Forest

Hauschka

Sony

Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 1 / 2019



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