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Freiburger Barockorchester

Musikalisches Hochamt

René Jacobs und das Barockorchester aus dem Breisgau sind eine verschworene Musikergemeinschaft. Ihr nächster Coup: Beethovens „Missa solemnis“.

In seiner nunmehr schon über 30-jährigen Ensemble- und Erfolgsgeschichte hat das Freiburger Barockorchester stets ein ausgesprochen feines Händchen bewiesen, wenn es um die musikalische Rekultivierung selbst bekanntester Meisterwerke geht. Ob Sinfonien von Mozart und Mendelssohn oder Solo-Konzerte von Carl Philipp Emanuel Bach und Schumann – allein diesen Klassik-Kanon frischte man nach bestem Wissen um die historische Aufführungspraxis derart anregend auf, dass so mancher sich sofort sicher war, ihn nie wieder anders hören zu wollen. Solche Interpretationscoups gelingen dem „FBO“ aber auch auf dem Gebiet der Oper und der geistlichen Musik in schöner Regelmäßigkeit. Wobei sich seit unzähligen Jahren, Aufführungen und Konzerten eine Partnerschaft als besonders fruchtbar erwiesen hat. Immer dann, wenn nämlich der belgische Originalklang-Spezialist René Jacobs nicht nur ans Pult des Breisgauer Elite-Orchesters tritt, sondern zugleich auch den RIAS Kammerchor dirigiert, garantiert dieses Team regelmäßig Überraschungen, Verblüffendes, so noch nie Gehörtes. So brachte man 2017 Mozarts „Requiem“ in einer vom französischen Komponisten Pierre- Henri Dutron überarbeiteten Fassung heraus. Ebenfalls in jenem Jahr präsentierten Jacobs & Co. auf internationalem Opernparkett und umjubelt Beethovens „Fidelio“ in der Ur-Fassung namens „Leonore“. Damals erteilte Jacobs in der „Badischen Zeitung“ dem FBO auch einmal mehr einen Ritterschlag – indem er schwärmte, dass „das Orchester immer mehr ein Beethoven- Orchester wird!“
Allein diese Auszeichnung verspricht nun ein weiteres Ereignis, dessen Echo man auch noch lange im heraufdämmernden Beethoven- Jahr 2020 vernehmen wird. Nach der Beschäftigung mit Oratorien auch von Händel und Haydn widmet man sich nun Beethovens „Missa solemnis“.
Als sein „größtes Werk“ hat Beethoven dieses geistliche Opus Magnum bezeichnet, das bis heute die Musikwissenschaft beschäftigt. Denn immer noch ist die Einordnung nicht geklärt: Handelt es sich nun um eine Messe oder doch um ein Oratorium oder vielleicht wirklich um eine Chorsinfonie mit liturgischem Text? Angesichts der Komplexität und Tiefe dieser Komposition, in der sich selbst Rückgriffe auf die Gregorianik finden lassen, erübrigen sich solche eindeutigen Zuschreibungen.
Auch wenn über die Uraufführung in St. Petersburg im Jahr 1824 nur wenige Dokumente erhalten sind, versucht René Jacobs nun die Konzertbedingungen so korrekt und historisch wie möglich abzubilden. Besonders gilt dies für die Größe und die Aufstellung von Chor und Orchester. Wie im Siebten Beethoven-Himmel darf man sich daher demnächst fühlen, wenn Jacobs mit eben dem FBO, dem RIAS Kammerchor sowie einem First-Class-Vokalquartett die „Missa solemnis“ live in sechs Städten aufführt. Und ob man diesem Ereignis nun auch in Köln, Freiburg oder Berlin beiwohnt – schon jetzt steht fest, dass man eine „Missa solemnis“ im historisch informierten Gewand erlebt, die man auf diesem Niveau so vermutlich noch nie gehört hat und so schnell auch nicht wieder geboten bekommt. Vielleicht nicht mal im Beethoven- Jahr 2020.

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 1 / 2019



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