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(c) Harald Hoffmann

Concerto Köln

Was wollte Wagner?

Das Kölner Alte-Musik-Ensemble erarbeitet mit Kent Nagano eine historisch-kritische Aufführung von Wagners „Ring“.

Concerto Köln gehört seit über 30 Jahren zu den führenden Ensembles im Bereich der historischen Aufführungspraxis. Als Spezialisten in der Entdeckung und Aneignung vergessener Werke bekannt, interpretieren sie auch das bekannte Barockrepertoire so interessant, als würde man es zum ersten Mal hören. Den Start der Spielzeit 2018/19 bildeten die CD-Neuveröffentlichungen „Caro Gemello“ mit dem Countertenor Valer Sabadus und „Bach“ mit dem Bariton Benjamin Appl. Der Schwerpunkt des Ensembles ist die Auseinandersetzung mit der europäischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Daneben wagt es sich immer wieder in spätere Epochen, wobei der jüngste Vorstoß der Romantik gilt. „Wagner-Lesarten“ ist das Großprojekt übertitelt, das sich seit 2017 Wagners Tetralogie nähert und das Opus Magnum ganz neu verstehen und erklingen lassen will. Ein Gespräch mit Kai Hinrich Müller, dem wissenschaftlichen Leiter des Projekts, und Alexander Scherf, dem künstlerischen Leiter von Concerto Köln.

RONDO: Wie kam es zu dieser hoch ambitionierten Idee?

Scherf: Wir hatten vor einigen Jahren eine Gesprächsreihe zur Zukunft der Alten Musik. Der Tenor war: Die Alte Musik muss sich im Repertoire nach vorn und nach hinten ausdehnen. Natürlich mussten wir uns auch die Frage anhören: Warum muss Concerto Köln jetzt auch noch Wagner spielen? Aber das ist ja der gleiche Zugang. Das macht die Sache so spannend, der unbelastete Blick auf die Partitur, als wäre er ein barocker Nischenkomponist. Unser Leitmotiv ist, dem Komponisten gerecht zu werden. Wir fragen: Was hatte der Komponist im Sinn, im Ohr, welche Mittel hatte er zur Verfügung, in welcher Gedankenwelt lebte er?

Müller: Konkret wurde der Plan erst durch Kent Nagano, der Feuer gefangen hat. Wir hatten mit ihm bereits drei Projekte gemacht, und dann erzählte er so nebenher, dass er demnächst einen neuen „Ring“ erarbeitet. Und da kam aus dem Ensemble die flapsige Frage: Wieso nicht mit uns? Und das hat ihn dann gereizt. Er hat ja schon so viele „Ring“-Versionen einstudiert mit modernem Orchester. Er hat sich offenbar gefragt: Warum nicht mal ganz anders? Dann mussten wir natürlich Förderer mit ins Boot holen, und als es gelungen ist, die Kunststiftung NRW zu gewinnen, war das der eigentliche Startschuss.

RONDO: Wie geht man vor bei der Frage nach einer historisch- kritischen Wagner-Exegese?

Müller: Wir wollten sehr systematisch arbeiten und haben zunächst Methoden evaluiert. Jetzt verteilen wir die Arbeit auf verschiedene wissenschaftliche Schultern. Mehrere Instrumentalisten untersuchen die Bereiche der Blech- und Holzbläser und Streicher, weitere Wissenschaftler nehmen die Sprachbehandlung, die Aussprache und den Gesang ins Blickfeld, und eine Doktorandin erforscht alles, was die Bühnenbewegungen betrifft, also auch Kostüm und Licht. Dabei haben wir schnell gemerkt, dass Wagners Anweisungen oft nicht so einfach zu realisieren sind. Dann greift aber meistens ein gesunder Pragmatismus. Es ist ein iteratives Verfahren, Wissenschaft und Praxis greifen ineinander.

RONDO: Welche Instrumente werden eingesetzt?

Scherf: Ja, das ist die große Frage! Es gibt ja zum Glück Dokumente, die belegen, welche Instrumente bei der Ring-Aufführung München 1878 verwendet wurden. Das muss dann beschafft werden, auch auf Antik- und Trödelmärkten, und es muss zum Teil auch nachgebaut werden nach Instrumenten, die nicht mehr spielbar sind. Wir haben historische Wagner- Tuben ausprobiert, die klingen fantastisch mit einem ganz weichen Sound. Oder die Kontrabassposaune oder eine Alt-Oboe, die eben kein Englischhorn ist, das ist ein völlig anderer Klang!

RONDO: Die Instrumente sind das eine, die Spielweise das andere?

Scherf: Natürlich, alle Parameter müssen überdacht werden: Was ist mit Vibrato, Bogenstrich, Portamento, wie interpretieren wir die Ausdrucksangaben? Man kann das nicht so lesen wie eine Barockpartitur. Da ist der Austausch mit der Wissenschaft sehr wichtig. Und dann müssen die Erkenntnisse den Praxistest bestehen. Das ist eben ein Code, der neu dechiffriert werden muss.

RONDO: In der historischen Aufführungspraxis ist die Rhetorik sehr wichtig, wie wenden Sie das auf Wagner an?

Scherf: Wir sind ja noch in den sinfonischen Anläufen und haben noch nicht mit Sängern gearbeitet. Das wird dann sehr spannend.

Müller: Es wird sehr anders sein. Für Wagner ging ja eigentlich das musikalische Geschehen vom Text aus, da gibt‘s zum Beispiel immer wieder zu lesen, dass das ideale Tempo das des gesprochenen Textes sein soll! Wobei man natürlich fragen muss: Wie schnell hat man denn damals auf den Bühnen gesprochen? Wagners Probenprozess war, mal zugespitzt gesagt, so aufgebaut, dass die Sänger erst den Text sprechen sollten, dann spielte der Pianist die Musik dazu. Und dann erst wurde gesungen. Das hat natürlich massive Auswirkungen. Es gibt ein Dokument mit Metronom-Angaben rund um Hans Richter. Wenn man die ernst nimmt, sieht man Extreme, sehr schnelle und sehr langsame Tempi, insgesamt eine große Elastizität, die verzahnt ist mit der Textaussage und der Personenausgestaltung. Nicht die instrumentale Melodik stand im Zentrum, sondern der Text!

RONDO: Bedeutet das auch, dass die Gesangspartien leichter besetzt werden?

Müller: Viele Wagner-Sänger kamen damals von der Operette und besaßen eine hohe Artikulationsfähigkeit. Außerdem ist ja auch der Stimmton tiefer, das macht es den Sängern leichter.

Scherf: Ein schlackenfreier nonvibrato-Ton bei den Sängern kommt uns sehr entgegen. Vibrato ist ein Stilmittel, das bewusst und nur vereinzelt eingesetzt werden muss. Aber nochmal zu den Rubati und den Tempi: Wir haben ja neulich das Siegfried-Idyll aufgeführt, das ist ja nun ein echtes Kammermusikwerk. Heutige Aufführungen dauern mitunter 22 bis zu 25 Minuten. Aber die historischen Tondokumente von Siegfried Wagner dauern 16 Minuten! Das ist bei so einem kleinen Stück ein enormer Unterschied! Wir sind auch bei etwa 16 Minuten gelandet. Solche Tempi ergeben dann ganz andere Zielpunkte.

Müller: Die Methode ist aber die bewährte: Wir wenden die Prinzipien der historischen Aufführungspraxis jetzt eben auf Wagner an, genauso wie damals, gestern, heute und in Zukunft auf Bach. Wir spielen ja weiterhin auch Bach.

RONDO: Wie weit kann man die historische Aufführungspraxis noch an die Gegenwart annähern?

Scherf: Als Künstler würde ich sagen, es ist eine Schule des kritischen Denkens! Die kann ich auf jede Partitur, auf jedes Kunstwerk und im täglichen Leben anwenden! Es fängt im Kopf an, dass ich mich zum kritischen Denken anhalte – und Kritik ist ja bei einem Komponisten wie Wagner nicht verkehrt!?

RONDO: Wie geht es weiter?

Scherf: Wir machen noch drei sinfonische Anläufe mit Bruckners Dritter im Mai und im Herbst mit der „Tannhäuser“-Ouvertüre und dem Bacchanal. Die ersten „Rheingold“-Proben sind für 2020 terminiert.

www.wagner-lesarten.de
www.concerto-koeln.de


Sinfonische Annäherungen

Den Start des Projekts „Wagner-Lesarten“ markierte im September 2017 das Symposium zu Fragen der historischen Aufführungspraxis bei Richard Wagner in Köln. Das Jahr 2019 steht im Zeichen der sinfonischen Annäherung an sein Opus Maximum „Der Ring des Nibelungen“. So kommen am 16. Mai Wagners „Wesendonck- Lieder“ zur Aufführung. Die 1857/58 entstandenen Klavierlieder werden sowohl in Wagners Originalkomposition wie auch in der durch Felix Mottl bewerkstelligten instrumentierten Fassung musiziert. Außerdem erklingt Bruckners Sinfonie Nr. 3 in der ersten Fassung von 1873, von Bruckner dem „Meister Richard Wagner in tiefster Ehrfurcht gewidmet“. Die erwähnte Gesprächsreihe zur Zukunft der historischen Aufführungspraxis ist beim Schott- Verlag erhältlich.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 1 / 2019



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