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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Avantgarde aus Tradition: Krzyzstof Penderecki (c) Akumiszcza/Wikimedia Commons / CC BY 3.0

Pasticcio

Meister der Metamorphose

1960 stieg der polnische Komponist Krzysztof Penderecki zu einem der Großmeister der Nachkriegsavantgarde auf, als er bei den Donaueschinger Musiktagen das Podium mit dem Ensemble-Stück „Anaklasis“ betrat und das strenge Fachpublikum mit seinen radikalen Akkordballungen begeisterte. Diese heiße Phase der Tonmaterialschlachten ist längst passé. Und wie viele seiner einstigen Mitstreiter hat sich natürlich auch Penderecki weiterentwickelt. Dabei sollte er aber schon bald einer kleinen Komponistengruppe angehören, die nahezu den völligen Bruch mit jenen musikästhetischen, auf Fortschrittlichkeit ausgerichteten Kategorien wagte, die in der damaligen zeitgenössischen Musikszene landläufig gepredigt wurden. Statt sich ständig auf die Suche nach neuen „Klang-Gags“ zu machen, öffnete Penderecki seine Klangsprache lieber für die gesamte Musikgeschichte. Gregorianik und neuromantische Klangströme in der Tradition Wagners und Mahlers, dazu Bach und Kontrapunktik – entlang dieser musikhistorischen Wegmarkierungen verließ Penderecki die allzu einengende Route der Neuen Musik. Rückblickend stellte er daher auch fest: „Nicht ich habe die Avantgarde verraten, im Gegenteil: Die Avantgarde hat Verrat an der Musik begangen.“
Bald schon sollte Penderecki mit seiner musikalischen Mischung aus Sinnlichkeit, Raffinement und Tiefe das breite Publikum ansprechen. So sorgte der strenggläubige Komponist 1966 mit einem außergewöhnlichen Glaubenswerk für Aufsehen: Am 30. März wurde seine „Lukas-Passion“ uraufgeführt, die er im Auftrag des WDR anlässlich der 700-Jahr-Feier des Münsteraner Domes geschrieben hatte. Danach gab es nicht wenige Stimmen aus dem zeitgenössischen Komponistenkreis, die Penderecki zum ultra-konservativen, gar reaktionären Musiker abstempelten. Dafür aber traf er mit seiner „Lukas-Passion“ den Nerv der Zuhörer. Die Uraufführung wurde zu einem spektakulären Erfolg. Und auch die Nachfolgeaufführungen in Pendereckis Heimat Polen sorgten für Schlagzeilen. So applaudierte das Publikum in der Warschauer Philharmonie noch eine halbe Stunde nach dem letzten Ton. Und in Krakau war der Andrang selbst bei der Zusatzaufführung so groß, dass 3.000 Menschen keine Eintrittskarte mehr bekamen.
Penderecki hat darüber hinaus aber nicht nur äußerst bewegende Klanggedenktafeln geschrieben, die er den Opfern von Auschwitz, Hiroshima sowie des 11. September widmete. Zugleich gelangen ihm immer wieder auch Meisterwerke für den großen Konzertbetrieb. Vor allem seine Solo-Konzerte, die etwa für die großen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch und Boris Pergamenschtschikow entstanden sind, haben längst ihren festen Platz im jüngeren Repertoire. Zu einer Musikerin besitzt Penderecki künstlerisch aber ein besonders enges Verhältnis. Es ist Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter. Anfang der 1980er Jahre lernten sich beide kennen. Seitdem hat Penderecki für sie zahlreiche Werke geschrieben, darunter auch ein Violinkonzert mit dem Titel „Metamorphosen“. „Penderecki gleicht in der Vielschichtigkeit seiner musikalischen Entwicklung dem Maler Picasso“, so Anne-Sophie Mutter. „Wenige Komponisten haben so unterschiedliche Gesichter und auch so viel Widersprüchliches kreiert.“
Am gestrigen Freitag konnte Krzysztof Penderecki, der mit zahllosen Preisen wie dem „Grawemeyer Award for Music Composition“ und „Praemium Imperiale“ gewürdigt worden ist, in illustrer Gesellschaft seinen 85. Geburtstag feiern. Immerhin waren für das ihm zu Ehren in Warschau ausgerichtete Festival Gratulanten wie Dirigent Christoph Eschenbach, Bratscher Yuri Bashmet und eben Anne-Sophie Mutter gekommen. Und sie alle haben zusammen einen Komponisten gefeiert, der seit einem halben Jahrhundert mit seiner Musik nicht vor den Kopf stoßen, sondern lieber das Herz ansprechen will.

Guido Fischer



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