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Erdrutschartige Abwanderung: Vijay Iyer (c) Lena Adasheva

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Saalflucht

Den Sitznachbarn freut so ein Verhalten natürlich nicht. Aber besser, der von einem Dauerkratzen im Hals geplagte Nebenmann schleicht sich so ruhig wie möglich aus der Reihe und hustet sich im Foyer aus, als wenn er den Live-Genuss mit ständigem Räuspern und Hustenbonbonpapier-Rascheln dauerstört. Es gibt 1001 Gründe, mittendrin ein Konzert zu verlassen. Bis zum rein ästhetisch-künstlerischen – wenn ein Musiker einen extrem schlechten Tag erwischt hat oder die gespielten Stücke als Zumutung empfunden werden. Und eine der berühmtesten wie dämlichsten Unmutsbekundungen äußert sich im demonstrativ lautstarken Zuschlagen der Saaltür.
So weit der Konzertalltag mit seinen zumeist kleinen, gewöhnlichen Unberechenbarkeiten. Was aber kürzlich in der seit ihrer Eröffnung im Grunde völlig überlaufenen Elbphilharmonie passiert ist, gehört zu den sonderbaren Auswüchsen eines Kulturtourismus. Anberaumt war ein Doppel-Jazzabend mit den beiden Pianisten Vijay Iyer und Nik Bärtsch sowie ihren Ensembles. Doch wie das „Hamburger Abendblatt“ berichtete, sorgte ein plötzlicher Publikumsexodus für Unruhe und eine schlechte Atmosphäre. Mehr als 500 Konzertbesucher müssen bei Vijay Iyers Gig zwar nicht fluchtartig, aber immerhin mit einigem Aufsehen den Großen Saal verlassen haben, um bloß nicht den Bus zu verpassen. Dabei handelte es jedoch nicht um Besucher mit besonders schlechten Anbindungen im öffentlichen Nahverkehr. Vielmehr wurden sie von Touri-Bussen aus Tübingen und dem Rhein-Hunsrück-Kreis mit schon laufendem Motor in Empfang genommen.
Die herauseilenden Besucher gehörten zur neuen Spezies der Saaltouristen, die auf einer Reise nach Hamburg eben auch unbedingt eine Stippvisite in der neuen Attraktion mitbuchen. Musik ist egal. Hauptsache, ein Selfie im bespielten Saal ist drin. Und dann wieder raus. Nicht nur beim restlichen anwesenden Publikum sorgte dieses Verhalten für Missstimmung. Auch der Veranstalter des Doppelkonzerts war ziemlich empört; „Das waren keine Jazzfans! Lieber hätte ich das Konzert nur zur Hälfte ausverkauft, als so etwas zu erleben.“
Solche Ausflüge von Kulturreise-Unternehmen zeigen aber eben nur, welche unglaubliche Anziehungskraft das Anfang 2017 eröffnete Konzerthaus noch immer ausübt. Dabei kommt es immer wieder zu Ticketkäufen, bei denen der Künstler völlig zweitrangig ist. Manche Besucher bemühen sich offenbar wahllos um eines der heißbegehrten Tickets, um bloß einmal hier ein Konzert miterlebt zu haben. Der Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter nimmt jeden potenziellen Störfaktor natürlich ernst, wie er jetzt anlässlich der Vorkommnisse beim Jazz-Konzert im Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ erklärt hat. „Dass manchmal Leute im Laufe des Konzertes den Saal verlassen, weil ihnen die Musik zu anspruchsvoll ist, ist legitim, wenn auch auffälliger als anderswo, weil sie dabei von so vielen gesehen werden.“ Für alle anderen, die vorrangig an dem architektonischen Wunder interessiert sind, gibt es jährlich immerhin rund 3000 Konzerthausführungen à 30 Personen. Wäre doch eine Alternative!

Guido Fischer



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