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Unterm Strich

Ramsch oder Referenz ? CDs, vom Schreibtisch geräumt.

Volkslieder sind Glücksache. Es kommt vor, dass sie nicht aus der Tiefe der Überlieferung aufgestiegen, vielmehr erfunden sind, wie das berühmte „Guten Abend, gut’ Nacht“ von Johannes Brahms, das in so vielen Ausgaben vermarktet wurde, schon zur Lebzeit des Komponisten, dass der seinem Verleger Simrock ironisch empfahl, das Lied auch mal in Moll setzen zu lassen, zum Einschlafen für „unartige oder kränkliche Kinder“. Der junge Bonner Pianist Fabian Müller hat es jetzt als Zugabe versteckt auf seinem Debüt-Album, natürlich in Dur, in einem „hidden track“ am Ende, nach Beatlesmanier. Das ist lustig! Aber wie lautet die Botschaft? Das Restprogramm des Recitals wirkt vor allem ziemlich ehrgeizig (Berlin Classics/ edel). Müller trägt, geschmackvoll abgetönt, die frühen Brahms-Balladen op. 10 vor sowie die späten Intermezzi op. 117, mit nicht zu viel Fett, nicht zu wenig Rubato. Am freiesten gestaltet, am schönsten gelungen: die Klavierstücke op. 76, „aus aller Herren Länder“ (Brahms). Doch auch hier gibt es noch Luft nach oben.

Kempff (oder Katchen) heißt in Sachen Brahms die pianistische Referenz, unübertroffen. Ja, sicher, man soll die Lebenden nicht mit den Toten erschlagen – doch es ist auch keine Option, die Latte immer tiefer zu legen. Anders als den Interpreten geht es den Komponisten, die sollen sich befreien von Vorbildern. Wilhelm Kempff, dessen Kompositionslehrer Robert Kahn seinerseits Schüler von Brahms gewesen war, komponierte nichtsdestotrotz entschieden spätromantisch, ein akademischer Vollblut- Brahmsianer in Idee, Form und Harmonik sowie, in langsamen Sätzen, volkslied-affin. Interessant, was das Quartetto Raro daraus gemacht hat (Brilliant Classic/edel)! Die vier Musiker aus Rom bringen Kempffs sentimentales Klaviertrio g-Moll zu wahrer Belcantoblüte, sie wissen sogar das Menuett und die verkordelte Tarantella im Flöten-Quartett op. 15 mit feurigem Leben zu füllen. Und sind dabei so fein und präzise, dass sie die biedere deutsche Einspielung, die einzige, die es davon bisher gab (Arte Nova, 1995), voll in den Schatten stellen.

Ob Antonio Vivaldi außer Violine und Gambe auch selbst das Violoncello spielte, ist nicht hundertprozentig sicher. Aber er hat, neben den großen, prächtigen Cello-Concerti, zehn kleine, viersätzige Sonaten komponiert für Cello und Continuo, vermutlich zu Übungszwecken, für die Schülerinnen im Ospedale. Neun davon sind überliefert, sechs hat Jean-Guihen Queyras neu eingespielt (harmonia mundi). Und hat sie aufgepimpt mit einer überraschend luxuriösen Begleitung – Theorbe, Zweitcello sowie wahlweise Cembalo oder, im Falle der drei B-Dur-Sonaten: Orgel. Ein bunter Teppich, auf dem in den lyrischen Largosätzen sein Cello prachtvoll erglänzt mit breitem, honigdunklem Legatostrich. In den Allegros tanzen die Rhythmen, blitzen und knattern Läufe und Passagen wie geölt, es ist die pure Lust am Musikantentum, ansteckend.

Anno 1958 drang György Kurtág nicht rechtzeitig durch den eisernen Vorhang, er kam zu spät zur Uraufführung von „Gruppen“ von Karlheinz Stockhausen nach Köln. Der spielte ihm die Sache auf Band vor, und Kurtág verglich dieses Herzstück der seriellen Orchesterpolyphonie mit Gogols „Der Mantel“: Wie sich von dieser Erzählung die gesamte russische Literatur der Neuzeit ableite, so sei „Gruppen“ fortan die Blaupause für alle zeitgenössische Musik. Es gibt drei exemplarische Aufnahmen davon: Die erste entstand in den Kölner Messehallen mit dem WDR-Sinfonieorchester und den drei Uraufführungs-Dirigenten Stockhausen, Bruno Maderna und Pierre Boulez. 1984 kam der sanft durch Zeit und Raum schwebende Mitschnitt von Claudio Abbado aus der Berliner Philharmonie hinzu, mit den Co-Dirigenten Friedrich Goldmann und Marcus Creed. Die jüngste, durchsichtig-filigranste, wurde 1997 wiederum in Köln produziert, mit Peter Eötvös, Arturo Tamayo und Jacques Mercier. Sie kam beim Label des Budapest Music Centers heraus (BMC/Note 1). Auf Wunsch von Kurtág, 92, der heute in diesem Haus der Musik wohnt, wurde sie jetzt neu aufgelegt.

Eleonore Büning, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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