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(c) Monica Menez

Robin Ticciati

Die Zukunft lockt

Der neue Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin liefert einen Geschmacks- und Könnerschaftsbeweis auf Französisch.

Kaum hat der eine amtierende Kringelkopf von Berlin, Simon Rattle, ausgecheckt, ist für Frisurkontinuität gesorgt. Der erklärte Rattle-Bewunderer Robin Ticciati, mit ganz ähnlicher Haarpracht, sorgt ein Haus weiter, beim Deutschen Symphonie- Orchester Berlin, für einen Aufschwung sondergleichen. Die Abonnentenzahlen steigen. Auch Alben werden vermehrt produziert. Dabei demonstriert Ticciati dem Beobachter unwillkürlich den Unterschied zwischen einem Wuschel – und einem Zausel.
Denn auch musikalisch sind beide Schöpfe nicht miteinander zu verwechseln. Während bei Rattle (in seiner Zeit bei den Berliner Philharmonikern) alles auf Korpsgeist, Zusammenhalt und britisches Understatement hinauslief, ist Ticciati ein Liebhaber in allen Gestalten. Lässig, erdig im Klang und den Musikern mehr Freiheit lassend. In dem kurzen Jahr seit seinem Anfang hat er den Klang des DSO um wohlige Celsiusgrade aufgeheizt. Man tönt natürlicher, wärmer. Und dennoch wunderbar transparent.
Wie er das hingekriegt hat, weiß der 35-Jährige selbst nicht so genau. Klang sei das Wichtigste beim französischen Repertoire, meint er. Man müsse die richtige „Konsonanz“ finden, aber trotzdem dem „Pointillismus“, so Ticciati, bei Ravel und Duparc gerecht werden. Im Übrigen kreise sein „Stil“ darum, einander zuzuhören und daraus die Konsequenzen zu ziehen. Er sage dem Orchester eigentlich nichts Spezielles. „Gelegentlich ist es ein Lächeln, mit dem man die besten Probenergebnisse erzielt.“
Da kann er Recht haben. Viele der größten Dirigenten, darunter Celibidache oder Harnoncourt, erreichten Spitzenergebnisse, weil die Musiker ihnen wohltun, ihnen gefallen wollten. Sie mochten ihre Dirigenten. Dieser ‚Love-Effekt’, auch zwischen Publikum und Künstler, trifft im französischen Repertoire der neuen Zusammenarbeit in Berlin aufs genau richtige Objekt. Beim Scottish Chamber Orchestra, wo Ticciati vorher tätig war, hatte er mit Brahms und Schumann für Furore gesorgt (auch auf CD). Dann war er zu Berlioz übergegangen. „Wenn man neu zu einer Familie kommt, bringt man am besten etwas mit, womit man etwas über sich selber erzählen kann.“

Graziler Senkrechtstarter

Der geborene Londoner, gefördert von Rattle und Colin Davis, ist ein Universalist. Mit 22 Jahren war er der jüngste Dirigent, der jemals in der Mailänder Scala am Pult gestanden hatte. Nach Gastspielen rund um die Welt wurde er Musikdirektor beim Opernfestival von Glyndebourne. Neben François- Xavier Roth und Lahav Shani gehört er zu den aufregendsten Neustartern der jüngeren Generation. Und hat bislang kaum Fehlleistungen vorzuweisen.
Für die Leitung des DSO, von wo nach nur vier Spielzeiten Tugan Sokhiev 2016 zum Bolschoi Theater abgegangen war, kam Ticciati als ebenso naheliegende wie ingeniöse Wahl in Betracht. Junge Dirigenten, die für frischen Wind sorgen können, müssen nicht nur frei, sondern auch bezahlbar sein. Beim ehemaligen RSO Berlin blickt man auf eine glorreiche Ahnengalerie von Vorgängern zurück (von Ferenc Fricsay über Lorin Maazel bis zu Riccardo Chailly). Das Problem bestand oft darin, dass die Riesentalente das Orchester als Sprungbrett benutzten, von dem sie allzu rasch zu lukrativeren, größeren Adressen übersprangen (um nie zurückzukehren).
Ob bei Ticciati mit mehr Kontinuität zu rechnen ist, bleibt abzuwarten. Zum hellen, an Neuer Musik geschulten Glanzklang des DSO steht Ticciatis Klangästhetik in einem reizvollen Gegensatz. Damit könnte er dem Orchester genau jenen Naturklang bringen, den es braucht. Auf dem bereits zweiten Album, das man gemeinsam herausgebracht hat, liefert er einen exzellenten Vorgeschmack.
Unter dem Titel „Aimer et mourir“ („Lieben und Sterben“) werden in Ravels „Daphnis et Chloé“-Suite Nr. 2 und den „Valses nobles et sentimentales“ Ewigkeitswerte aufs Feinste und Deliziöseste umspielt. Ticciatis Kennzeichen, ein feingliedrig- graziler Holzklang, kann Einflüsse der historischen Aufführungspraxis nicht verleugnen. Das führt mit dem DSO zu einem Nuancenreichtum und sublimer Kraft, die erstaunt. Auch die vier bekannten Duparc-Lieder („L’invitation au voyage“ etc.), ausgewählt für die farbenreiche Magdalena Kožená, lassen laue Winde streicheln. Ergänzt wird die Auswahl durch das unbekannte Duparc-Poem „Aux étoiles“. Das alles: ein Geschmacksund Könnerschaftsbeweis, wie man ihn sich nur wünschen kann. Der Mann schüttelt sein Haar für uns. Aber locker.

Neu erschienen:

Aimer et mourir. Danses et mélodies

Magdalena Kožená, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Robin Ticciati

Linn/Naxos


Mediterraner Hauch

Ravels „Daphnis et Chloé“-Suite Nr. 2 haben von Abbado bis Toscanini, von Boulez bis Karajan alle großen Dirigenten dokumentiert. Nur kaum einer so weichstimmig und mediterran wie Ticciati. Die „Valses nobles et sentimentales“, für Klavier komponiert und von Ravel nachträglich orchestriert, kennt man von alten Meistern wie Munch, Cluytens und Ansermet. Schon lange her! Henri Duparcs Orchesterlieder (auch „Chanson triste“, „Au pays où se fait la guerre“ und „Phidylé“) gibt es in Referenzaufnahmen mit Régine Crespin, dem formidablen Camille Maurane bis hin zu Felicity Lott – aber fast nie gesungen von einem echten Mezzo-Sopran (außer vereinzelt von Janet Baker). Interessant!


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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