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Unterm Strich

Ramsch oder Referenz ? CDs, vom Schreibtisch geräumt.

Neben dem Welterfolg von „West Side Story“ sind die übrigen Werke von Leonard Bernstein mehr oder weniger verblasst und vergessen. Insofern kann dieser letzte Universalmusiker ein Gedenkjahr wirklich gut brauchen. Gleich zwei Neuaufnahmen seiner als Klavierkonzert verkleideten Sinfonie Nr. 2 mit dem Titel „The Age Of Anxiety“ gibt es, eine mit Simon Rattle, Krystian Zimerman und den Berliner Philharmonikern (Deutsche Grammophon/Universal), eine weitere mit Antonio Pappano, Beatrice Rana und dem Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia (Warner Classics). Beide sind sehr gut, letztere ist besser. Nämlich differenzierter, infolgedessen lebendiger, dramatischer: Schon ein dreifaches Pianissimo ist für den wahrheitstrunkenen Pappano nicht dasselbe wie ein zweifaches. Diese Sorgfalt und Empathie zahlen sich aus, nicht nur im zwölftönigen Klagegesang des dritten „Satzes“, auch in den scharf geschnitzten Jazzeinlagen.

Die Wiederentdeckung des Jahres sind „Les Horaces“ von Antonio Salieri von 1786! Es war sicherlich riskant, dem französischen Hof so kurz vor der Revolution noch einmal eine waschechte Tragédie lyrique zu servieren, aufgepimpt mit ein paar herzzerreißenden Reformopern- Highlights, Duetten und Ensembles. Inhaltlich geht es um die mit Pathos und Blut bezahlte Geburt der römischen Republik, frei nach Corneille. Nach nur drei in Häme und Gelächter untergegangenen Aufführungen in Versailles verschwanden „Les Horaces“ in der Schublade, bis zum Jahr 2010, als endlich das Karlsruher Barockorchester eine Teilausgrabung wagte. Christophe Rousset mit Les Talens Lyriques brachte dann 2016 das ganze Werk im Theater an der Wien konzertant heraus. Die daraus gewonnene Gesamtaufnahme (Aparté/harmonia mundi) ist betörend schön, mit jungen, starken Stimmen, stürmischen Chören, schillernden Orchesterfarben. Herausragend: Judith van Wanroij, eine strahlend ihrem Untergang zueilende Sopranheldin.

Während Salieri an seiner Oper für Marie-Antoinette schrieb, arbeitete Wolfgang Amadeus Mozart gerade für sich selbst, und zwar an seinen ersten sinfonisch angelegten Klavierkonzerten. Dem in C-Dur, mit dem auf einem Triolenseidenteppich herbeisegelnden Andante-Gesang, hat Sir Neville Marriner seine allerletzte Studioaufnahme gewidmet. (Onyx/ Note 1) Sie entstand wenige Wochen vor seinem Tod in London, und zwar gemeinsam mit der Academy of Saint Martin in the Fields und der südkoreanischen Pianistin Yeol Eum Son, die berühmt dafür geworden ist, dass sie das Pech hatte, aus fast allen wichtigen Wettbewerben als Zweitplatzierte hervorzugehen. So etwas spielt gottlob irgendwann keine Rolle mehr, längst hat sie sich einen Namen gemacht, mit ihrer glasglockenklaren Tongebung, der feinen Gestaltungskraft. Im Konzert KV 467 finden der Alte und die Junge zur goldenen Mitte, aufgefüllt hat Son das CD-Programm dann erst nach Marriners Tod, mit Solo-Stücken in C-Dur: der Sonate KV 330, der Fantasie KV 475 und den Variationen KV 264.

Anders beim Bariton Samuel Hasselhorn aus Göttingen, frisch engagiert ins Ensemble der Wiener Staatsoper, mit seiner smarten Samtstimme! Er hatte in den letzten Monaten einen Lauf, bei dem einem vom bloßen Zugucken schwindelig werden konnte. Holte überall erste Preise, von Brüssel bis Heidelberg. Sein zweites Soloalbum widmet Hasselhorn jetzt der „Dichterliebe“ op. 48 von Robert Schumann, der er einen weiteren „Liederzyklus“ gegenüberstellt, ein Konstrukt, zusammengesetzt aus den nämlichen Heine-Gedichten, in der gleichen Reihenfolge, vertont von Hugo Wolf, Charles Ives, Edvard Grieg, Fanny Hensel und anderen Komponisten mehr. (GWK-Records/Klassik Center Kassel). Interessant die stilistischen Differenzen, auch die der Textbehandlung. Wirklich spannend wird es aber erst, wenn Hasselhorn und sein biegsamer Klavierpartner Boris Kusnezow mit den Schumannliedern beginnen: eigenwillig, gewagt, rubato- und pointenreich. Aber nie: zu viel davon.

Eleonore Büning, RONDO Ausgabe 4 / 2018



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