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Joyce DiDonato (c) Pari Kukovic/Warner Classics

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Ein Hoch auf Großformate? Mariss Jansons und Hans Neuenfels jagen bei den Salzburger Festspielen gefühlte Hundertschaften von Darstellern und Kleindarstellern über die Bühne von Peter Tschaikowskis „Pique Dame“. Die vielen Bartträger und sonoren Bären, unter ihren wohl auch Alexander Kravets (Tschekalinski), Stanislav Trofimov (Surin) und Vladislav Sulimski (Tomski), kann man kaum voneinander unterscheiden. Evgenia Muraveva als Lisa scheint einen wohltuend leichten Rotwein in der Kehle zu haben. Auch Igor Golovatenko, kein Star, als Fürst Jeletzki ist ein Spiegel der Tatsache, dass diese Aufführung rasch zusammengecastet werden musste (nachdem ursprünglich Anna Netrebko als „Aida“ vorgesehen war). Dafür lenkt Mariss Jansons die gut aufgelegten Wiener Philharmoniker wunderfein durch die russischen Fluten. Und Neuenfels, auf seine alten Tage, möchte endlich mal ganz doll liebgehabt werden. Außer einigen Schafsköpfen und dem sehr jugendlich gehandhabten Hermann (Brandon Jovanovich) gibt es nichts, was hier nur irgendwie Anstoß erregen könnte. Groß gedacht, etwas harmloser gemacht. Warum nicht.
„Too much of a good thing is … wonderful“ („Zu viel des Guten ist … wundervoll“), sprach die Film-Sexbombe Mae West. Der Hang der Klassik zur Gourmandise ist allerdings auch eine fragwürdige Tendenz. Die besten Werke Beethovens sind nicht die größten, am größten besetzten, sondern die kleinen Kammermusikwerke und Sonaten. Dennoch: Großereignis der beginnenden Spielzeit in Wien sind zweifelslos Berlioz’ „Les troyens“ – an der Wiener Staatsoper zum ersten Mal seit fast 40 Jahren. Nicht so sehr aber aufgrund der Reise-Inszenierung von David McVicar (die schon in London und San Francisco war). Sondern wegen der fulminanten Joyce DiDonato in der Groß-Rolle der Didon (und Anna Caterina Antonacci als Cassandre, ab 14.10.). Dagegen kann Händels „Alcina“ im Theater an der Wien kaum an, trotz Marlis Petersen in der Titelrolle und trotz Regisseurin Tatjana Gürbaca (ab 15.9.). Die Hosen von Rossinis anschließendem „Guillaume Tell“ dürften für Regisseur Torsten Fischer ohnehin zwei Nummern zu weit sein, während Tenor John Osborn seine Rolle schon anderswo formidabel sang. In der Volksoper geht’s operettig los: mit Kálmáns „Csárdásfürstin“, inszeniert von Peter Lund (ab 16.9.); gefolgt von Lortzings „Zar und Zimmermann“ (mit Daniel Schmutzhard, ab 13.10.). Nach Linz hat man den alten, Bayreuther „Tristan“ von Heiner Müller importiert, der vorher in Lyon wiederbelebt worden war (ab 15.9.). Mit Markus Poschner am Pult.
Große Orchester gibt es im Musikverein. Andris Nelsons, kein uninteressanter Mann, dirigiert Mahlers Dritte (10.9.) sowie Bernsteins Serenade (mit Baiba Skride) mit dem Boston Symphony Orchestra. Zu den Wiener Philharmonikern kommt Herbert Blomstedt (Berwalds 3. und Dvořáks 7. Sinfonie; 23.9., 1./2.10. im Musikverein, auch 30.9. im Konzerthaus). Jörg Demus tritt aus Anlass seines 90. Geburtstages vielfach auf (23.9.). Zu den interessantesten Dirigenten der Wiener Symphoniker gehört Stéphane Dénève (3.-5.10.). Im Wiener Konzerthaus widmet sich Teodor Currentzis Mahlers Dritter mit seinem SWR-Sinfonieorchester (25.9.). Die famose Hilary Hahn spielt Bachs Sonaten und Partiten (9.10.). Juan Diego Flórez präsentiert Klänge seiner südamerikanischen Heimat (16.10.), parallel singt Ian Bostridge Brahms, Debussy und Ravel (16.10., Mozart-Saal). Wir werden immer kleiner. Denn, keine Frage, diese Nadelöhr-Formate bergen oftmals die größten Erlebnisse. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2018



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