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(c) Peter Hundert

Iveta Apkalna

„Lippenstift muss sein!“

Die lettische Organistin spricht über ihr Instrument in der Elbphilharmonie, Schuh-Vorlieben – und warum sie ihre CDs nachts aufnimmt.

RONDO: Frau Apkalna, an der Elbphilharmonie sind Sie – sehr vornehm – „Titularorganistin“. Das Programm Ihrer dort aufgenommenen CD dagegen ist … abgefahren, oder?!

Iveta Apkalna: „Ambitiös“ habe ich auch schon gehört. Meine Devise lautet: keine Kompromisse! Wenn’s um was geht, bin ich gern auch mal stur. Ich glaube, wir unterschätzen unser Publikum. Ich spreche viel mit Zuhörern, und immer wieder höre ich: „Das moderne Stück hat uns am besten gefallen.“

RONDO: Etwas schwer verdaulich könnten die Werke von Sofia Gubaidulina, Ligeti, Schostakowitsch und Janáček aber trotzdem sein!?

Apkalna: Glaube ich nicht. Es ging darum, bei der ersten Aufnahme an der Klais-Orgel deren gesamtes Spektrum zu zeigen. Ein fantastisches Instrument! Es steht für Zukunft und Moderne. „Hell und Dunkel“ war das Hauptthema. Man soll den Raum hören können, die ganze Architektur.

RONDO: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum moderne Musik auf der Orgel so gut klingt?

Apkalna: Das liegt daran, dass die Orgel ein technisches Instrument ist. Und an der Vielstimmigkeit. Ich glaube übrigens, je feiner der Klang ist, desto reizvoller. Ich habe es gelegentlich auch mal gern laut und habe in meiner lettischen Heimat bei einem Festival soeben gemeinsam mit 16.000 Chorsängern gespielt. Im Publikum waren 45.000 Leute. Ich will gerne zeigen, dass die Orgel keinerlei Limits kennt.

RONDO: Ist die Orgel für Sie ein sakrales Instrument?

Apkalna: Nein, Orgel ist Orgel. Man sollte bedenken, dass sie auch ursprünglich kein Sakralinstrument war. Die ersten Orgeln wurden bei römischen Gladiatorenkämpfen eingesetzt. Das war kein Gottesdienst. Es gibt Kino-, Kaufhaus- und Digital-Orgeln, die sogar schon im Schwimmbad oder im Wald eingesetzt wurden. Ich glaube, dass uns alle Musik besser machen kann, egal wo sie erklingt. Meine Hauptaufgabe besteht darin, Herz und Verstand anzusprechen – und die Seele des Instruments zu finden. Wenn ich das nicht schaffe, hilft auch kein Kirchenraum.

RONDO: Was ist besonders an der Orgel der Elbphilharmonie?

Apkalna: Dass man alles auf ihr spielen kann. Es ist eine Ausnahme! Die wenigsten Instrumente lassen einem absolute künstlerische Freiheit im Registrieren. Diese hier schon. In Hamburg stimmen alle Komponenten. Die Fülle ist optimal, und auch fragile Klänge sind gut zu hören. Diese Orgel ist ein König. Sehr elegant.

RONDO: Ist die Klais-Orgel für Sie männlich?

Apkalna: Für mich sind alle Orgeln männlich, vermutlich deswegen, weil ich eine Frau bin. Ich muss mit Orgeln so viele Nächte verbringen, dass ich auf andere Vorstellungen gar nicht kommen würde. Die Orgel ist keine beste Freundin. Ich will respektvolle Distanz zu meinem Instrument spüren. Keine kumpelige Beziehung. Ich muss die Orgel siezen. Es gibt sogar Kämpfe mit ihr. Besonders dann, wenn sie nicht in perfektem Zustand ist.

RONDO: Aufgenommen wurde Ihre CD in der Nacht. Sollte man sie auch nachts hören?

Apkalna: Keine schlechte Idee … Wir haben jeweils von Mitternacht bis sechs Uhr morgens aufgenommen. Wir konnten den Raum nur nachts bekommen. Man hört anders, ist auch ganz anders sensibilisiert. Ich empfehle, nicht unbedingt mit Kopfhörer zu hören. Auch das hat zwar seinen Reiz, doch ich bevorzuge Lautsprecher. Der Raum klingt mit.

RONDO: Jedes Musikinstrument sucht sich die Charaktere aus, die zu ihm passen. Wie muss ein Organist beschaffen sein, um zur Orgel zu passen?

Apkalna: Er muss fähig zum Multitasking sein. Denn es kann wahnsinnig viel schief gehen. Die Orgel ist ein indiskretes Instrument, man hört jeden Fehler. Um das auszuhalten, muss man ziemlich perfektionistisch sein.

RONDO: Fürs Booklet Ihrer CD hatten Sie einen eigenen Make-up-Artist engagiert. Wann kommt der zum Einsatz?

Apkalna: Bei 58 von 60 Konzerten schminke ich mich selber. Aber ich tue es! Ich will nicht, dass Menschen denken, dass alles immer so aussieht wie auf dem Cover oder auf der Bühne. Beim Orgelspiel ist Tastendrücken nicht alles.

RONDO: Sie müssen nicht nur mit den Händen, sondern auch mit den Füßen spielen. Wie viele Schuhe besitzen Sie?

Apkalna: Ich glaube, für die Orgel sind es aktuell sechs Paare. Sie haben dieselbe Absatzhöhe, eine harte Spitze und Sohlen aus Ziegenleder. Seit mein Schuhmacher vor drei Jahren starb, habe ich noch keinen neuen gefunden. Er hat mir den Leisten, über den meine Schuhe geschlagen wurden, sogar vererbt. Auch was ich anziehe, ist für mich ein Dauerthema.

RONDO: Warum das?

Apkalna: Kleider gehen gar nicht! Die große Marie-Claire Alain spielte sogar im Minirock, aber das kann ich mir nicht vorstellen. Dagegen: Lippenstift muss sein! Und die Haare mache ich mir auch, selbst wenn ich nur übe. Ein Spielplatz ist ein Spielplatz, und ein Zirkus ist keine Kathedrale. Es ist einfach eine Frage der Höflichkeit.

Neu erschienen:

„Light & Dark“, Werke von Schostakowitsch, Gubaidulina, Ligeti, Janáček, Escaich u.a.

Iveta Apkalna

Berlin Classics/Edel


Herrin der Pfeifen

Die 1976 in Rēzekne geborene Iveta Apkalna wurde zunächst bekannt als Orgelpartnerin von Harald Schmidt. Ausgebildet an der Lettischen Musikakademie, der Guildhall School of Music sowie an der Musikhochschule in Stuttgart, gehört sie heute zu den bekanntesten Vertreterinnen ihres Fachs und hat mit für einen Neuaufbruch der Orgelrezeption gesorgt. Bereits 1993 spielte sie zum Besuch des Papstes Johannes Paul II. in der Wallfahrtsbasilika von Aglona. Als heutige Titularorganistin der Elbphilharmonie Hamburg weihte sie das – von der Bonner Firma Johannes Klais gebaute – Instrument im Januar 2017 mit einem Solo-Konzert ein. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2018



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