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Licht aus - Wo findet nach 2023 in Stuttgart Oper statt? Blick ins Foyer (c) Martin Sigmund

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Deutschland, Deine Millionen

Was die öffentliche Geldgeberhand in Sachen Kunst & Kultur angeht, liegen natürlich zwischen den USA und Deutschland Welten. Im Gegensatz zu den hiesigen, von Steuergeldern geförderten Kultureinrichtungen wird auf der anderen Seite des Atlantiks auch der Musikbetrieb vom privaten Sponsoring wesentlich am Leben gehalten. Dementsprechend können die Schecks schon mal richtig opulent ausfallen, wenn der Mäzen bzw. seine Nachlassverwalter eine musische Ader besitzen. So wie der 2016 verstorbene Finanzmanager William K. Bowes, dessen Stiftung in seinem Sinne dem Konservatorium in San Francisco jetzt mal eben knapp 47 Millionen Dollar überweist, damit der geplante Konzertsaal ohne finanzielle Schieflage wie geplant 2020 eröffnet werden kann. Auf insgesamt 185 Millionen Dollar sollen sich die Gesamtkosten belaufen. Was eine Stange Geld ist. Davon werden aber etwa 110 Millionen Dollar durch Spenden abgedeckt.
Solche wohlhabenden Förderer wünscht man sich auch in Deutschland immer öfters. Dann nämlich würde man vielleicht noch exakter auf die Einhaltung jener berechneten Kosten achten, die sich oftmals rückblickend lediglich als ganz grobe Schätzung entpuppen. Besonders bei den vom gemeinen Steuerzahler finanzierten Großprojekten, die allesamt am laufenden Band für Negativschlagzeilen gesorgt hatten, entpuppten sich die Verantwortlichen in den entsprechenden Rathäusern und Landesregierungen stets als äußerst großzügig und warfen das Geld mit vollen Händen raus. Nun aber wollen tatsächlich zwei baden-württembergische Entscheidungsträger bei einem Projekt auf die Bremse treten, mit dem man sich schon angefreundet hatte.
Es geht um die Ausweichstelle der Stuttgarter Oper, die ab 2023 für schlappe 400 Millionen Euro saniert werden soll. Als Übergangsspielstätte hatte man ein altes Paketpostamt ins Auge gefasst, doch schon kürzlich warnte die Initiative „Aufbruch Stuttgart“ vor einer Kostenexplosion: am Ende drohe das Komplettpaket mehr als eine Milliarde Euro zu kosten. Ob Stuttgarts OB Kuhn und Landeschef Kretschmann davon gelesen haben? Jedenfalls ließ ein externes Gutachten sie nun endgültig zu dem Schluss kommen, dass allein die Kosten für die Interimsspielstätte mit rund 116 Millionen Euro viel zu teuer sei (bei einem Bau-Gau lägen die Kosten bei bis zu 139 Millionen Euro). Jetzt muss man sich noch mal an einen runden Tisch setzen und die Taschenrechner zücken…
Einen Bruchteil davon wird übrigens die Fertigstellung eines Probenhauses verschlingen, das sich das Luzerner Sinfonieorchester gewünscht hat. Gerade einmal 10 Millionen Franken soll der Neubau kosten, von denen ein Großteil aus privater Hand kommt. Und für die noch fehlenden 500.000 Franken hat das Orchester nun eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, die noch bis zum 14. Juni läuft. Beim letzten Klick auf www.funders.ch/projekte/probenhaus waren immerhin schon 162.286 Franken gespendet worden.

Guido Fischer



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