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Wie wir Musik wahrnehmen, hängt auch von deren Titel ab (c) pixabay.com

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Etikettenschwindel

Wenn zu Karneval in den Büros tablettweise Berliner mit sämtlichen Füllungen und Verzierungen gekauft und verspeist werden, kann man sich in den größeren Bäckereien auch ein mit Senf gefülltes Exemplar dazulegen lassen – dem Pechvogel, der dieses unerwartet pikante Exemplar erwischt, entgleisen entsprechend die Gesichtszüge, woraufhin er oder sie zugleich Opfer des Spotts wird, den die Runde lachend über ihn ausgießt.
Das Beispiel zeigt, wie stark unsere Erwartungshaltung unser Gehirn voreingenommen macht und bestimmte Rezeptionskanäle öffnet oder schließt. Dass das auch bei Musik funktioniert, hat ein gemeinsames Forscherteam von TU Berlin und Goldsmiths University London nun mit zwei Experimenten belegt, das den Einfluss der Sprache auf ästhetische und inhaltliche Bewertungen von Musik untersuchte. Probanden sollten dabei die ihnen vorgespielten Songs bewerten. In der ersten Runde schnitten besonders solche Songs positiv ab, die über von den Forschern gewählte, sehr leicht auszusprechende Songtitel verfügten, während die sperrigen Titel weniger oft als angenehm eingestuft wurden.
In einer zweiten Runde präsentierten die Forscher die jeweils identische Musik unter Titeln mit unterschiedlich emotionalem Gehalt, mal positiv, mal neutral oder negativ belegt. Dabei wurde der Musik unter Titeln, die negative Emotionen beinhalteten, als ästhetisch weniger ansprechend bewertet. An die unter neutralen oder positiven Titeln präsentierte Musik konnten sich die Probanden in Folgetests auch länger erinnern, als an die negativ belegten Musikstücke.
Da erinnern wir uns an die Umfrage, die die Hamburger Körber Stiftung 2014 zur Wahrnehmung klassischer Musik in der Gesellschaft beauftragt hatte. Menschen unter 30 gaben seinerzeit an, Konzerthäuser als „elitär“ wahrzunehmen, die Atmosphäre in einem Konzert als zu ernsthaft und bedrückend. Da mag man sich kaum vorstellen, welche Chancen bei diesem Eindruck vom Aufführungsrahmen die eigentlichen musikalischen Inhalte bei den jungen Leuten noch haben dürften – und sei es ein sprühendes Silvesterkonzert. Ob wenigstens Titel-Lifting hier noch helfen könnte?

Carsten Hinrichs



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