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Franz Xaver Ohnesorg (c) Peter Wieler

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Am 25. März jährte sich der Todestag von Claude Debussy zum 100. Mal. Also hat die Opera Vlaanderen einen All-Star-Cast für „Pelléas et Mélisande“ verpflichtet. Es wurde ein so anregender wie überraschender, märchenhafter Musik- und Tanztheaterabend. Ausgerechnet Marina Abramovic, Domina der Performancekunst, siedelt die symbolistische Parabel statt im düsteren Schloss Allemonde in einer Sciene Fiction-Welt an. Außerdem lässt die Serbin Kristalle als phallische Zapfen wachsen. Mélisande (schimmernd: Mari Eriksmoen) sieht aus wie ein Revuestar-Schmetterling als Queen of Outer Space. Umgeben ist sie von sieben kaum bekleideten Tänzern. Neben den Kostümen der Modeschöpferin Iris van Herpen ist Bewegung dominant: geschaffen von Sidi Larbi Cherkaoui, Chef des Ballet Vlaanderen. Sein Schwerpunkt dieses Abends liegt auf dem Visuellen und Strukturellen, der Ausgestaltung des Raumes.
Wenn Golaud seinen Sohn Yniold in den Turm schauen lässt, in dem er das verbotene Liebespaar vermutet, dann sehen wir beide nur verzerrt hinter Vergrößerungsglas. Fein, rhythmisch pulsierend und in ungewöhnlich dunklen Farben getaucht bringt Alejo Pérez diese Musik zum Glühen. Im Diffusen bleibt freilich die Beziehung zwischen dem lyrisch hellen Jacques Imbrallo (Pelléas) und dem dunkel samtigen Leigh Melrose (Golaud).
Der 62-jährige Olli Kortekangas, der zwischenzeitlich bei Dieter Schnebel in Berlin studiert hat, aber ein viel weniger radikales Idiom pflegt, ist ehrlich: „Wir finnischen Komponisten wollen in der Regel gehört und gespielt werden, in einem so kleinen Land können wir uns nicht auf eine radikale Avantgarde-Position zurückziehen.“ Was es aber gibt: eine erstaunlich große Bereitschaft, Auftragswerke zu erteilen. Kortekangas’ „Veljeni Vartija“ („Meines Bruders Aufpasser“) wurde von der Stadt Tampere bestellt, um an den finnischen Bürgerkrieg von 1918 zu erinnern, von dem man lange wenig redete, weil der Kampf der vom bolschewistischen Russland gesteuerten Kommunisten gegen die Bourgeoisie bis heute in vielen Familien tiefe Spuren hinterlassen hat.
Zu sehen war mit viel Kunstnebel und Gewehrrecken eine Art neutönerische „Les miserables“- Version, effektvoll, dramaturgisch stringent. Ein Well-made-Play als Sandkastenkriegsspiel. Mitreißend in seinem Temperament, seinen barmenden Soloszenen, den Chören, der geschickt bedienten Bühnenmaschinerie rund um eine melodramatische Familienchronik. Bemerkenswert: der junge, souveräne Santtu-Matias Rouvali am Pult des Tampere Symphony Orchestra und der leuchtende Sopran der an der Semperoper engagierten Tuuli Takala in der weiblichen Hauptrolle.
In die Wuppertaler Neorenaissance-Stadthalle hat ebenfalls ein Neorenaissance-Mensch geladen, der hier mit vielen Künstlerfreunden den 30. Geburtstag des von ihm zum Blühen gebrachten Klavier-Festival Ruhr feiert – und auch noch den eigenen, 70. Jubeltag: Franz Xaver Ohnesorg. Am häufigsten war Alfred Brendel mit 26 Terminen da, seit zehn Jahren nur noch als Rezitator eigener Texte. Auf 24 Auftritte bringt es Klavierkönigin Martha Argerich – und auf fünf Jahrzehnte FXO-Freundschaft. Mit Treffsicherheit und rhythmischer Finesse tastentanzt der argentinische Feuersturm Ravels apokalyptische „La valse“. Die Diven Anne-Sophie Mutter und Khatia Buniatishvili präsentieren sich als Gershwin-Duo, Elena Bashkirova spielt nobel Mini-Stimmungsaufheller aus Tschaikowskis „Kinderalbum“. Zum Höhepunkt gerät Olli Mustonen mit Beethovens „Waldmädchen“-Variationen.
Im zweiten Konzertteil kommt der von FXO so geliebte Jazz. Till Brönner bläst Trompete im Duo mit Bassist Dieter Ilg. Thomas Quasthoff liefert eine leise „Imagine“-Version und das freche, aber passende Bonmot, FXO feiere ja wie ein Sonnenkönig, aber „schön, dass sich das Ruhrgebiet einen Sonnenkönig leistet“.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 2 / 2018



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