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(c) Sverdlovsk State Philharmony

Ural Philharmonic Orchestra

Brillant, wuchtig, transparent

Unter Dmitri Liss geht das Orchester mit der Sopranistin Olga Peretyatko und russischen Arien erstmals auf Tournee in Deutschland.

Das russische Jekaterinburg im Ural ist eine wide rspr ü c h l iche Stadt zwischen politischen Altlasten, Nostalgie und Aufbruch-Stimmung.
Die Philharmonie aus den 1930er Jahren liegt an der Karl-Liebknecht- Straße, wenige Schritte entfernt von den pompös vergoldeten Kuppeln der Kathedrale „auf dem Blut“. Das Gotteshaus wurde als Gedenkort an jener Stelle errichtet, wo 1918 die Zarenfamilie ermordet wurde. Im Gebäude der Philharmonie finden sich eine Shisha-Bar, in der die coole Jugend abhängt, und Jekaterinburgs bestes Restaurant, wo die gut Betuchten der 1,5-Millionen-Stadt dinieren. Die Philharmonie ist blitzblank saniert und beheimatet das legendäre Ural Philharmonic Orchestra, das eines der besten Orchester Russlands ist. Die Auslastung liegt bei traumhaften 95 Prozent. Das liegt natürlich an der künstlerischen Qualität, denn das auffallend jung und mit hoher Frauenquote besetzte Orchester klingt brillant, wuchtig und doch transparent.
Seit 23 Jahren ist Dmitri Liss, ein Schüler Dmitri Kitajenkos, Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Klangkörpers. Liss verließ 1995 Moskau, um das Orchester in Jekaterinburg zu formen. Er ist eine feinsinnige Erscheinung und spricht leise. „Schon damals war die Qualität unglaublich, aber seither hat sich alles verändert. Vor allem das Selbstbewusstsein des Orchesters. Als ich kam, waren sie sehr introvertiert, um nicht zu sagen frustriert.“
Russische Sinfonik bildet den Kern des Repertoires, aber auch die späte Klassik und französische Romantik stehen auf dem Programm. Und, was Dmitri Liss als Ehemann einer Komponistin besonders wichtig ist: „Wir spielen mehr Zeitgenossen als jedes andere russische Orchester!“
Um Sponsoren und Unterstützer aufzutreiben, ist im Laufe der Jahre ein riesiges Netzwerk entstanden, sagenhafte 24.000 Mitglieder zählt der Freundeskreis, von der Politik und öffentlichen Geldern will man möglichst unabhängig bleiben. Sieben Konzerthausfilialen im Umland gibt es inzwischen, und seit 2005 gibt es 25 virtuelle Filialen bis in kleinste sibirische Dörfer, in die Konzerte via Internet im Live-Stream übertragen werden. „Mit diesem digital concerthall-Projekt sind wir gerade unter den letzten fünf Anwärtern für den Preis der Vereinten Nationen im Finale!“
Nun steht die erste große deutsche Tournee an, alternierend mit dem jungen Pianisten Dmitri Masleev als Solist in Prokofjews 3. Klavierkonzert und der hierzulande schon gefeierten Sopranistin Olga Peretyatko und einem russischen Arien-Programm von Glinka bis Strawinski. „Wir sind gute Freunde, seit wir erstmals in Nantes bei ‚La folle Journée‘ italienische Arien zusammen machten. Das war eine Sensation. Danach kamen die ‚Vier letzten Lieder‘ von Strauss und nun das russische Programm. In Russland sind diese Arien sehr bekannt, in Westeuropa kaum. Deshalb ist diese Tour sehr logisch.“
Steht das Ural Philharmonic Orchestra für die russische Schule oder versteht es sich als internationaler Klangkörper? „Beides. Ich arbeite hart an der Transparenz und daran, für jedes Werk einen spezifischen Klang zu entwickeln. In Prag sagte neulich ein Fachmann zu mir: ‚Wenn ich meine Augen öffne, sehe ich ein russisches Orchester, wenn ich sie schließe, höre ich die tschechische Philharmonie, und bei Ravels ‚La valse‘ klang es französisch‘. So soll es sein. Andererseits: Die Intensität, der druckvolle Streicherklang, das ist typisch russisch.“

Regine Müller, RONDO Ausgabe 2 / 2018



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