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Labelchef Christian Girardin (c) harmonia mundi

60 Jahre harmonia mundi

Im Gleichgewicht

Seit 1991 bestimmte er die künstlerische Linie mit, seit 2011 nun leitet er das Label: Wir sprachen mit Christian Girardin zum Firmenjubiläum über die Zukunft von Haptischem und Digitalem im Musikgeschäft.

RONDO: 60 Jahre ist eigentlich gar nichts! Warum feiern Sie dieses Datum?

Christian Girardin: Wir wollen uns selbst überprüfen. Vor zehn Jahren war die CD noch gesünder, wir wussten, dass sich da etwas ändert, doch es wurde viel schwerer als gedacht. Jetzt wollen wir vorwärtsschauen. 2008 lebte Labelgründer Bernard Coutaz noch, inzwischen hat sich seine Frau Eva ebenfalls zurückgezogen, und wir sind verkauft worden. Trotzdem sind wir frohgemut. Denn auch für den neuen Eigentümer [PIAS] zählt wie für uns: Erst kommt die Musik! Wir ändern uns, wir wissen nicht, was kommen wird, aber wir stellen uns den Herausforderungen. Damals sagte ich: 50 Jahre mehr, warum nicht? Und heute kann ich sagen, zehn davon haben wir schon geschafft.

RONDO: Sie haben ja immer schon bei Ihren Alben stark auf das Haptische gesetzt, wie wollen Sie jetzt digital werden?

Girardin: Die Covers, die Booklets, die Pappschachteln – das ist markentypisch für harmonia mundi geworden, und man muss sagen, es ist erstaunlich, was Bernard Coutaz da für eine unternehmerische Weitsicht hatte. Unsere erfolgreichsten Produkte sind immer noch aufwendige Ausgaben wie das „Ballet Royal de la Nuit“ oder jetzt „Enfers“ mit unserem neuen Bariton Stéphane Degout, die eine wertige Aufmachung haben und erklärungsbedürftig sind. Das funktioniert sehr gut, vor allem auch auf längere Sicht. Das sind kostbare Stücke, und da geben die Kunden durchaus Geld für ein physisches Produkt aus, wollen es nicht nur downloaden. Trotzdem müssen wir uns natürlich Gedanken machen, wie wir uns auch digital attraktiv machen.

RONDO: Was heißt das?

Girardin: Das sind verschiedene Erzählweisen. Eine CD, die mit einem Buch verbunden ist, ist eben nicht nur eine Abfolge von Tracks, sondern eine Szenografie, die nur rund ist und funktioniert, wenn sie in verschiedenen medialen Formen genossen wird. Anderes aber ist sie eben auch in der trägerlosen, digitalen Form vollkommen. Dafür müssen wir nach inhaltlich neuen Wegen suchen, auch mit unseren Künstlern, was und wie sie etwas erzählen und wie sie damit wann antreten wollen. Ich habe nichts gegen Spotify, wir müssen nur kreativ darauf reagieren.

RONDO: Wie ist das mit scheinbar konventionelleren Künstleralben, von Isabelle Faust zum Beispiel?

Girardin: Ja, man könnte sagen, sie macht CDs wie andere Geiger auch, mit Repertoire, das sie spannend findet und mit Kammermusikkollegen, die sie gernhat – die zufällig auch unsere Künstler sind, wie etwa Jean-Guihen Queyras oder Alexander Melnikov, der jeweils auch mit beiden im Duo auftritt. Aber auch da kann ich nur sagen: Wir sind mit den Verkäufen hochzufrieden. Das sind attraktive Künstler, die etwas zu sagen haben, die aktiv sind und die ihr Publikum finden. Wir bedienen mit ihren Alben auch nicht nur den Mainstream. Nehmen Sie etwa das Schumann-Projekt, in das Pablo Heras-Casado und das Freiburger Barockorchester, zwei unserer wichtigsten Partner für die Zukunft, involviert waren. Das war etwas ganz Besonderes und es hat allen auch Synergien verschafft.

RONDO: Stimmt es, dass sich die Präsenz von harmonia mundi in Deutschland verstärkt hat?

Girardin: Ja, das kann man so sagen, das war ein Wunsch von Eva Coutaz, und wir haben das sehr kontinuierlich durchgezogen, seit 20 Jahren schon – mit deutschen Künstlern, aber auch mit verstärkter Präsenz etwa der Franzosen im deutschen Konzertleben und schließlich mit dem Umzug unseres deutschen Büros von Heidelberg nach Berlin. Bei anderen ging es sogar automatisch, wie etwa bei René Jacobs, der immer mehr in Deutschland macht, und nicht nur in Berlin. Wichtig für diese Entwicklung war auch das Teldex Studio in Berlin, wo wir viel aufnehmen.

RONDO: Nur bei einem haben Sie schmählich versagt!

Girardin: Ich weiß schon, was jetzt kommt: Jonas Kaufmann. Ja, wir haben die erste Solo-CD mit ihm gemacht, die sich bis heute noch prächtig verkauft. Es hat sich aber daraus keine weitere Zusammenarbeit entwickelt. Anderseits: Hätte er wirklich in unser Portfolio gepasst, wäre er da glücklich geworden? Diese Strauss-Platte ist ein Edelstein, wir halten ihn fein aufpoliert auf Lager. Kaufmann ist dann zur Decca gegangen, und Matthias Goerne kam von dort zu uns, hat wunderbare Lied-CDs konzipiert. Seine Schubert-Box war für uns zunächst nicht einfach, aber wir haben es ermöglicht – und sie hat sich voll rentiert.

RONDO: Dafür haben Sie sich aus der amerikanische Produktion weitgehend zurückgezogen …

Girardin: Dort ist es sehr kompliziert. Wenn die Künstler keine Präsenz in Europa haben, geht es nicht. Das war natürlich auch sehr an unsere Produzentin Robina Young gebunden, die sich inzwischen zur Ruhe gesetzt hat. Und wir hatten amerikanische Künstler wie Anonymous 4, die allein mit ihren Verkäufen diesen Firmenteil getragen haben. Auch mit englischen Künstlern ist es nicht so leicht, die Leute müssen etwa das Vokalensemble Stile Antico erst live hören, um aufmerksam zu werden. Zudem gibt es in England viele kleine CD-Firmen, die sich um die dortigen Künstler intensiv kümmern. So liegen Frankreich und Deutschland in unserem Fokus.

RONDO: Inwiefern?

Girardin: Gerade in Frankreich sind so viele neue, sehr gute Barockformationen entstanden. Die sind perfekt vernetzt. Sie wollen ihre Produktionen auch verkaufen und finden Geldgeber dafür, wie etwa Sébastien Daucé, der ist sehr smart. Wir versuchen aber auch da einen Austausch, dass etwa Raphaël Pichon auch mal mit der Akademie für Alte Musik arbeitet. Das Orchestre de Paris ist zu einem kontinuierlichen Partner geworden, auch Daniel Harding. William Christie ist wieder zurück. François-Xavier Roth ist sowohl mit dem Gürzenich Orchester wie mit seinem Originalklang-Orchester Les Siècles nun bei uns. Ich finde das elektrifizierend! Und man sieht, wie viel harmonia mundi noch vorhat.

www.harmoniamundi.com

Im Mai erscheinen zwei CD-Boxen aus den Firmenarchiven:

„Die Zeit der Revolutionen“ (1958 - 1988), 16 CDs „Familiensinn“ (1988 - 2018), 18 CDs


harmonia mundi France

wurde als unabhängiges französisches Musiklabel 1958 von Bernard Coutaz (1922-2010) in Paris gegründet und zog bald ins südfranzösische Arles. Heute ist es eines der wichtigsten und angesehensten jenseits der drei verbliebenen Majors. Das Sortiment beinhaltet überwiegend klassische Musik, seit 2001 bzw. 2011 auch Weltmusik und Jazz. Seit Ende der Siebzigerjahre begann der Aufbau eines weltweiten Vertriebsnetzes sowie die Gründung von Tochtergesellschaften u. a. in den USA, England, Deutschland und Benelux. Nachfolgerin ihres Mannes wurde Eva Coutaz, sie verkaufte 2015 an die belgische [PIAS] Gruppe. Zum 60. Geburtstag wird nun in einer opulenten CD-Edition zurückgeschaut, gleichzeitig fördert man intensiv die „jungen Triebe“ mit der CD-Reihe „harmonia nova“.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2018



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