home

N° 1265
06. - 12.08.2022

nächste Aktualisierung
am 13.08.2022



Startseite · Klartext · Pasticcio

Künstlerfreundschaft auf Papier © Landeshauptstadt Düsseldorf/Wilfried Meyer

Pasticcio

Berlioz in der Matratzengruft

Zu den wenigen Musikfeuilletons, die man immer und immer wieder aufschlagen kann, auch mit gewissem Schmunzeln, gehören die aus der Feder von Heinrich Heine. Sein Erlebnisbericht von einem Konzert Paganinis in Hamburg etwa ist quasi die ultimative Abhandlung über das Virtuosentum im 19. Jahrhundert. Nicht weniger erhellend und amüsant sind aber auch Heines Briefe, mit denen er aus der Wahlheimat Paris seine deutschen Leser über die musikalischen Moden in der französischen Hauptstadt informierte, etwa auch über die Uraufführung der „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz. „Es ist schade, dass er seine ungeheure, antediluvianische Frisur, diese aufsträubenden Haare, die über seine Stirne, wie ein Wald über eine schroffe Felswand, sich erhoben, hat abschneiden lassen“, so Heine über des Komponisten Äußeres. Bevor er weiter ausführt: „So sah ich ihn zum ersten Male vor sechs Jahren. Es war im Conservatoire de musique, und man gab eine große Symphonie von ihm, ein bizarres Nachtstück, das nur zuweilen erhellt wird von einer sentimentalweißen Weiberrobe, die darin hin und her flattert, oder von einem schwefelgelben Blitz der Ironie.“
Doch Heine kannte und schätzte nicht nur die Musik von Berlioz. Man war miteinander befreundet, wie man aus einigen wenigen Briefen weiß. „Welch unendliche Zartheit lebt in einer verborgenen Falte Ihres Herzens für das Land, dass Sie so sehr verspottet haben, für diese fruchtbare Erde der Dichter, für dieses Vaterland der träumenden Genien, für dieses Deutschland, dass Sie Ihre alte Großmutter genannt haben und das Sie trotz allem so sehr liebt!“, so Berlioz einmal an Heine. Umgekehrt schrieb Heine immer wieder an seinen Freund. Wie am 22. Juli 1848, als er in einem kleinen Brief von seiner Krankheit berichtet und ihn mit den Worten enden lässt: „Adieu – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ohne Musik, – Henri Heine“. Dieser Brief gehört ab sofort zu den vielen Schätzen, die das Düsseldorfer Heine-Institut in seinem Bestand hat. Denn wie man jetzt voller Stolz vermelden ließ, konnte man diesen wie noch einen zweiten ersteigern – per Telefonschaltung bei einer Auktion in Paris für insgesamt 26.500 Euro. Und der zweite Brief vom 14.8.1855 erzählt besonders bewegend von Heines dramatischen Zustand in der „Matratzengruft“ sowie seiner Freundschaft zu Berlioz: „Vergessen Sie Ihren Freund nicht, den armen beinlosen Krüppel, und wenn Ihre Wege Sie in die Nähe der Avenue Matignon (Nr. 3) vorbeiführen, machen Sie sich doch die Mühe, bis an mein ärmliches Bett hinaufzusteigen, wo ich Sie bald baldmöglichst erwarte. Ich habe Ihnen mehrere Sachen zu sagen“.
Wer übrigens einen Blick auf diese beiden Erwerbungen des Instituts werfen will, hat dazu am 14. April im Rahmen der Düsseldorfer „Nacht der Museen“ Gelegenheit.

Guido Fischer



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Albrecht Mayer

„Bin ich Farbe, bin ich Geräusch?“

Ein Fan der King’s Singers ist Albrecht Mayer schon seit langem – doch jetzt hat sich der […]
zum Artikel

Pasticcio

Duftnoten

Nachrichten und Meinungen aus der Musikwelt

Von David Beckham, Madonna und David Garrett weiß man inzwischen, wie sie riechen. In schicken […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Benedetto Boccuzzi wurde 1990 in New York City geboren und ist ein Pianist, Improvisator und Komponist. Auf seinem neuen Album „Im Wald“ stellt er Werke der Romantiker Robert Schumann und Franz Schubert den Zeitgenossen Jörg Widmann, Wolfgang Rihm und Helmut Lachenmann gegenüber. Dadurch entsteht ein ästhetischer Dialog zwischen den Generationen, der eine erweiterte Realität abbildet. In dem zweiteiligen Programm wird der Hörer dazu eingeladen, einen imaginären Zauberwald zu […] mehr


Abo

Top