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(c) Mato Johannik/Sony

Boulevard

Ein Schuss Jazz, eine Prise Film, ein Löffel Leichtigkeit: Bunte Klassik

Facettenreiche Debussy-Nacht

Was runde Geburts- oder Todestage dem Klassikmarkt bescheren, wäre oft besser in der Versenkung geblieben. Im Fall von „Unfolding Debussy“ ist es jedoch ein Glück, dass die Pianistin Marina Baranova die Jubiläums-Gelegenheit ergriff. Im Mittelpunkt stehen Klavierwerke, die Baranova nicht nur auf dem klassischen Bösendorfer realisiert, sondern auch mit einem elektrischen Fender Rhodes Klavier und einem zart klingenden „Una-Corda-Piano“. Hinzu kommen Geräusche durch Saitenmanipulationen und sogar von der Solistin gesungene Text. In „La neige danse“ aus „Children’s Corner“ werden die mit Klang gemalten Schneeflocken mit einem Gedicht von Shane August zum Spiegel der sterbenden Liebe eines Paares. „Unfolding Debussy“ ist ein dichtes Konzeptalbum mit der Schilderung einer Nacht à la Debussy – vom beginnenden Mondscheinstück „Clair de lune“ bis zu Baranovas Eigenkomposition „Clair de solenne“ mit aufgehender Sonne im langsamen Walzertakt à la Satie.

Unfolding Debussy

Marina Baranova

Neue Meister/Edel

Churchills energische Schritte

Die Inspiration für seine neueste Filmmusik bekam der Komponist Dario Marianelli durch ein Foto: Gary Oldman als Winston Churchill bei Probeaufnahmen zu „Die dunkelste Stunde“, vorgebeugt im schnellen Gang, dem Gesicht voran die berühmte Zigarre. Leichte Unschärfe verstärkt die Intensität des Voranschreitens, die in Marianelli nach eigener Aussage die kaleidoskopartige Betriebsamkeit des Soundtracks in Gang setzte. Kein geringerer als Pianist Víkingur Ólafsson sorgte für den Klavierpart der ansonsten sinfonischen Musik, in die Marianelli sogar historische Sounds einbaut. Beethovens Schicksals-Klopfmotiv mit dumpfen Pauken zum Beispiel. Der Sender BBC nutzte den Beginn der „Fünften“ bekanntlich als Kennung und als klingendes Symbol des britischen Widerstands.

„Darkest Hour“: Original Motion Picture Soundtrack

Klänge, die Welten öffnen

Unter den vielen spielenden und komponierenden Klavierpoeten, die in letzter Zeit die Klassikbühnen betraten, hat sich der Franzose Riopy schnell sein Feld erobert. Nach eigener Aussage sind die Melodien und wirbelnden, ebenso hypnotischen wie obsessiven Bewegungsmuster, die er den schwarz-weißen Tasten abringt, so etwas wie der Blick durch ein Mikroskop, der im Kleinsten plötzlich ganze Universen offenbart. „Ein einziger Akkord kann eine Sinfonie von Emotionen wecken“, sagt Riopy. Und er kann Welten öffnen: So wird aus einem gebrochenen Akkord, zu dem sich nach und nach kurze Mittelstimmenphrasen, ein volltönender Bass und schließlich eine absteigende Melodielinie gesellen, ein Porträt von New York.

Riopy

Warner

Ein Klavierquintett im Kino

Große Filmorchester werden überbewertet. Zu diesem Schluss kommt man, wenn man sich allein den Beginn des Albums „Mission Possible“ der Philharmonic Five anhört – einem klassischen Klavierquintett, das (so denkt man) eigentlich den Welten romantischer Kammermusik verpflichtet sein müsste. Doch dann fliegt Harry Potters Eule Hedwig umgeben von glitzernden Läufen und Harmoniemixturen so plastisch durchs imaginäre Bild, dass man Brahms und Schumann gerne mal beiseitelässt. Die Musiker, die sich zu vier Fünfteln aus den Reihen der Wiener Philharmoniker rekrutieren, wollten mit ihrem Album den beiden großen Filmkomponisten John Williams und Lalo Schifrin ein musikalisches Denkmal setzen. Zwei Titel aus deren Schaffen rahmen ein klassisches Programm mit Filmbezug ein: So taucht der berühmte Jazz-Suiten-Walzer von Schostakowitsch in „Eyes Wide Shut“ auf, Bizets „Blumenarie“ in einem Film namens „A Good Year“, ein Slawischer Tanz von Dvořák im Streifen „Venus“. Diese strenge Rückversicherung mag etwas übertrieben wirken. Was bleibt, ist glänzend gespielte und (vom Geiger Tibor Kovac) ebenso glänzend arrangierte „neue“ Kammermusik.

Mission Possible

Philharmonic Five

Sony

Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 1 / 2018



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