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Kein Heiliger: James Levine (c) Michele McDonald/Metropolitan Opera

Pasticcio

He too?

Es war Mitte 2016, als mal wieder ein besonderes Schauspiel in Sachen Solidarität geboten wurde. Ort war ein Münchner Gericht, wo sich der Pianist und Hochschulrektor Siegfried Mauser zu dem Vorwurf „Sexuelle Nötigung“ zu verantworten hatte. Und weil Mauser eben bestens vernetzt war, sprangen ihm prominente Freunde und Weggefährten zur Seite – auch empört über die mediale „Hexenjagd“, die der Beschuldigte jetzt zu ertragen habe. In einem der Leserbriefe in der „Süddeutschen Zeitung“ meldete sich auch der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer zu Worte, der sich für den „Künstler und Gelehrten Mauser“ stark machte. Und da war dann wieder dieser Unterton: Geistesgrößen wie eben Mauser solche Verfehlungen unterzuschieben, ist geradezu infam. Natürlich war diese Verteidigungsstrategie ziemlich abstrus. Und inzwischen ist Mauser zur Bewährung verurteilt worden – wenngleich der Richterspruch noch nicht rechtskräftig ist. Am Beispiel Mausers ließ sich aber bestens studieren, welchen sakrosankten Status Künstler per se zuweilen genießen. Dass sie stinknormale Menschen sein könnten, die zu allen menschlichen Schandtaten bereit sind, wird weiterhin angezweifelt. Und wenn man sich etwa in der klassischen Musik einen besonders blutrünstigen Fall rauspickt – den vom Mehrfachmörder Gesualdo -, dann wird das auch noch in gewisser Weise auf eine Kunststufe transzendiert und damit verklärt.
Vor diesem Hintergrund verwundert einen nun die große Empörungswelle durchaus, mit der der amerikanische Stardirigent James Levine auf die Titelbilder gespült worden ist. Denn scheinbar hatte bislang das System des Schweigens und Verschweigens von Levines pädophiler Neigungen bestens und über Jahrzehnte funktioniert. Zwar kamen immer wieder Gerüchte darüber auf, dass der altgediente Chef der New Yorker MET Jugendliche und junge Männer sexuell missbraucht haben soll. Doch erst jetzt, im Zuge der Enthüllungen um den Filmproduzenten Weinstein, haben sich die einstigen Opfer von Levine an die Öffentlichkeit getraut und ihre Geschichte erzählt. Und diesmal hat es keiner aus Levines engerem Zirkel geschafft, Zweifel an den Aussagen zu nähren. Die Reaktionen sind dementsprechend diesseits und jenseits des Atlantiks heftig ausgefallen. Levine wurde von all seinen Gastspiel-Verpflichtungen an der MET vorerst entbunden. Und allein in den deutschen Feuilletons zeigt man sich ziemlich erschüttert von einem Mann, dem vor kurzem erst noch der goldene Teppich in Berlin ausgerollt worden war – als James Levine die Berliner Staatskapelle und Mahlers 3. Sinfonie dirigierte. Aber ab sofort müsste es jedem endgültig gedämmert haben: auch große Musiker sind – keine Heiligen.

Guido Fischer



Kommentare

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Danke, dass Rondo dieses Thema aufgreift! Ich finde es höchste Zeit, dass diese schmutzigen alten Männer endlich beim Namen genannt und für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden. Schlimm genug, dass es jetzt erst passieren kann - wie Sie schreiben, wurden diese Dinge bei Levine ja lange genug nicht nur vermutet, sondern gewußt. Was Sie nicht schreiben: bei Mauser war es genau das Gleiche. Der eine in der Oper, der andere in der Hochschule - beides strukturierte Systeme mit einer absoluten Hierarchie - und viele ahnten es, einige wußten es und alle haben weggesehen. Das ist auf der moralischen Seite widerwärtig und auf der gesellschaftlichen kompliziert und problematisch, weil es immer um Machtmißbrauch geht (zur Kompensation von was auch immer; die beiden Genannten scheinen massive Probleme mit ihrem Ego zu haben) und die Hilflosigkeit der vielen Menschen nicht gesehen wird, die mit den "Mächtigen" wenigstens zusammenarbeiten müssen oder sogar auf ihr Wohlwollen angewiesen sind. Rondo, bitte bleiben Sie da dran!


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