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Paul Badura-Skoda zum 90.

Goldener Grande

Er ist der wohl letzte lebende Solist, der noch mit Wilhelm Furtwängler konzertierte. Von Paul Badura-Skoda, dem Wiener Klaviermatador, der Anfang Oktober seinen 90. Geburtstag feiern konnte, stammt die Mitteilung, Furtwängler sei durchaus kein fauler, sondern im Gegenteil ein sehr guter, weil ökonomischer Prober gewesen. Auch gab Furtwängler ihm den Rat: „Versuchen Sie jeden Tag eine Stunde lang spazieren zu gehen, ohne dabei an Musik zu denken.“ Das sei ihm, so Badura-Skoda, „nie ganz gelungen“.
Stattdessen scheint er Furtwänglers Rat musikalisch befolgt zu haben. Seine zwischen 1967 und 1971 entstandenen Schubert-Aufnahmen – jetzt gesammelt vorgelegt in der wichtigsten von drei separaten Boxen – müssen als größte Überraschung, ja als Sensation dieses Jubiläums angesehen werden. Badura- Skoda findet für Schubert eine Schlichtheit, Gesanglichkeit und Verlockung, die sich nie selbst genügt. Sondern die in mysteriöse, spirituöse Eigenschaften umschlägt. Um es mal ganz simpel auszudrücken: Man hört die Nähe des Wiener Praters. Also die Sehnsucht nach Leichtleben, Naturtiefsinn und auch ein wenig Rummel. Verzaubernd! Das Wankelmütige, hier wird’s Ereignis.
Dabei verläppert Badura-Skoda weder die späten, himmlisch langen Schubert-Sätze, noch setzt er sich dem Vorwurf aus, Schubert volkstümlich zu vulgarisieren. Kein Wunder. Denn er hat noch live Alfred Cortot und Edwin Fischer bewundert, hat mit Rudolf Kolisch konzertiert und das letzte Rezital gemeinsam mit David Oistrach bestritten. Er ist der Letzte einer Galerie goldener Granden aus Wien.
Und konzertiert immer noch. Bei heutigen Klavierabenden kann es zwar passieren, dass dem alten Herrn so viele Fehler unterlaufen, dass er am Ende mit beiden Fäusten derb in die Tasten haut, wie um zu sagen: Ihr könnt mich! (Gemeint sind die Tasten.) In seinem weitläufigen Dachgeschoss in der Wiener Josefstadt ist er nach wie vor jener prosperohafte Jahrhundert-Erzähler, der sie alle gekannt hat. Und für viele von ihnen noch heute schwärmt. Dass sich die großen Firmen anlässlich des 90. Geburtstages seiner erinnern, kommt ausnahmsweise nicht einer Teufelsaustreibung gleich. Neben der besagten Schubert- Box bei Sony (und einer entsprechenden Sammlung mit Mozart- Sonaten bei Eurodisc) feiert auch die Deutsche Grammophon den Jubilar mit einem opulenten 20 CD-Paket. Sie enthält Rarissimi wie die Beethoven-Konzerte unter Hermann Scherchen, Mozart unter Felix Prohaska und Chopin unter Artur Rodziński (dem ersten und letzten Chef Leonard Bernsteins), daneben Solowerke von Beethoven, Brahms, Schumann und Schubert. Überschneidungen zwischen den drei Boxen gibt es nicht.
Man lernt hier in Badura-Skoda einen Musiker neu lieben, dessen Gesamtwerk so doppelbödig wie einheitlich erscheint. In allen Interpretationen schafft er es, Direktheit mit etwas Numinosem zu verbinden. Das Umstandslose schlägt in Magie um. In dieser großartigen Narrenfreiheit erweist sich Badura-Skoda als wahrer Zauberer. Gut, dass wir das noch gerade so mitbekommen haben: Die runden Geburtstage sind eben doch für was gut.

Neu erschienen:

Paul Badura-Skoda PlaysFranz Schubert. The Complete Piano Sonatas (12 CDs)

RCA/Sony

The Paul Badura-Skoda Edition (20 CDs)

DG/Universal

Paul Badura-Skoda Plays Mozart. The Complete Piano Sonatas (5 CDs)

Eurodisc/Sony

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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