Nachruf Thomas Fitterling

Mit manchen Menschen lohnt es sich zu streiten – nicht wie kleine Kinder mit Geschrei und Aggression, sondern wie Erwachsene mit Argumenten. Der Journalist Thomas Fitterling war so einer, der gerne für seine Meinung focht, dabei mit gespitzten Ohren zuhörte, seine Ansichten mit großer Sachkenntnis untermauerte. Einer, dem in einem Streitgespräch auch kein Zacken aus der Krone fiel, wenn er sich verrannt hatte und der Partner bessere Argumente hatte. Solche Menschen sind selten.
Thomas Fitterling konnte begeistern, denn er war begeistert vom Jazz, der Musik, der er sich verschrieben hatte und über die er schrieb. Auch hier hörte er genau zu, achtete auch Nuancen, verglich mit seinem Erfahrungsschatz. Und fand dann fundierte Worte, die eine Vorstellung von dem Gehörten vermittelten und es den Lesern ermöglichten, sich zu entscheiden, ob sie die Aufnahme selbst anhören respektive kaufen wollten oder ob sie dies besser bleiben ließen.
Dabei hatte er für sich die Frage beantwortet, die jeden Kritiker umtreibt: Wie weit darf der persönliche Geschmack, das persönliche Befinden im Augenblick des Schreibens den Text beeinflussen? Darf ein dezidierter Freund des neuen Jazz eine exzellente Mainstream-Platte abqualifizieren, weil er sich sicher ist, dass er sie nie wieder anhören wird? Oder darf ein Freund des swingenden Jazz eine Avantgardeplatte verdammen, weil sie ihm nicht gefällt? Für ihn galt: Gut ist gut, und schlecht bleibt schlecht. Wer über Musik publiziert, muss von sich selbst abstrahieren können, muss objektiv und fair beurteilen und darf sich nicht von Vorlieben und Vorurteilen leiten lassen.
Im Hauptberuf war Thomas Fitterling Lehrer. Daneben fand er die Zeit, in der Ulmer Kulturszene als Vorsitzender des „Vereins für moderne Musik“, als Schlagzeuger in mehreren Bands und mit Veranstaltungen das kommunale Kulturleben zu bereichern. Sein Herz schlug eher für den modernen Jazz, wobei die Moderne in den 1950ern beginnt. Dem Pianisten Thelonious Monk hat er zwei Bücher gewidmet, ihn als einen der Wegbereiter eines großen Aufbruchs gekennzeichnet. Eines Aufbruchs, der inzwischen eine kaum überschaubare Fülle an Crossover-Werken hervorbrachte, in denen sich Jazz und Musik aus allen Kontinenten und Genres verschmelzen.
Exakt 821 Texte von ihm enthält das Online-Archiv von Rondo. Darüber hinaus hat er für die Zeitschriften „Stereoplay“, „Du“, „Jazz Podium“ sowie für die Augsburger Allgemeine, die Schwäbische Zeitung, NWZ und andere Tageszeitungen gearbeitet. Er stellte Musik für Einsteiger und Entdeckungen für Jazz Connaisseurs vor, machte auf Unbekannte aufmerksam und würdigte die Großen. Manchmal – aber nur selten und wohl dosiert – erzählte er in seinen Rezensionen auch von sich selbst, etwa bei der Besprechung der CD-Wiederveröffentlichung der „Music From Two Basses“ von Barre Phillips und Dave Holland, die er als LP bis zur rauschenden Unanhörbarkeit genossen hatte und bei deren Neuauflage als CD er feststellen durfte, dass die alte Begeisterung die Zeit überdauert hatte. „Der abschließende ‚Song For Clare‘ ist schlicht ein großartiger und auf großartige Weise schlicht inszenierter Love Song.“ Ihn interessierte nicht der Hype, sondern die Qualität. Am 11. August ist Thomas Fitterling im Alter von 70 Jahren gestorben.

Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 4 / 2017



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