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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



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(c) Monika Rittershaus

Lolita schlägt zurück: Richard Strauss´ „Elektra“

Berlin, Staatsoper

Als „besten Opernregisseur der Welt“ titulierte Intendant Jürgen Flimm den verstorbenen Patrice Chéreau in einer kleinen, gerührten Ansprache. Gespickt mit Weggefährten und alten Granden, hat „Elektra“, die letzte Arbeit des 2013 verstorbenen Chéreau, tatsächlich etwas von einem Testament an sich – und konnte als solches bei der Premiere in Aix-en-Provence (kurz vor dem Tode Chéreaus) noch kaum wahrgenommen werden. Dass der Regisseur sogar den Wotan seines „Jahrhundert- Ring“ (Bayreuth 1976), den heute über 80-jährigen Donald McIntyre als „Alten Diener“ reaktiviert hatte: kein Zufall wohl. Beim Ruf „Orest lebt“ fallen er und der 92-jährige Franz Mazura als Pfleger des Orest einander wie erlöst in die Arme. (In Chéreaus legendärer Pariser „Lulu“ sang Mazura den Dr. Schön.) Gleichfalls mit dabei: die legendäre Cheryl Studer, die nachher bewundernd erzählte, bei dieser Arbeit sei es fast nur um „Subtext“ gegangen – um die subtile Ausdeutung versteckter Botschaften.
An derlei metaphysischen Dimensionen gemessen, nimmt sich der schieferfarbene Innenhof, in dem die Mägde herrschen, geradezu einfach aus. Evelyn Herlitzius in der Titelrolle – eine Kampf-Lolita im löchrigen Sport-Schlabber – singt Töne wie Schwertstreiche. Waltraud Meier darf, wie sie es immer wollte, schlank und schön den introvertierten, zerknirschten Seiten der Klytaimnestra nachspüren. Adrianne Pieczonka – bei gespitztem Timbre – ist eine fast ideale Chrysothemis. Alle drei gestalten den Abend als Liebesvermächtnis für einen Lebensregisseur. So weht einem ein kalter, erschütternder Wind scharf entgegen. Wunderbar.
Die Produktion war ursprünglich in Berlin geprobt worden (ohne hier je gezeigt worden zu sein). Daniel Barenboim, das Werk neu durcharbeitend, betont eine enorme Nervosität und Zerschossenheit von Strauss’ Partitur. Wie in einem zersplitterten Spiegel zeigen sich benachbarte Werke wie „Der Rosenkavalier“, „Ariadne“ und „Salome“. All das hat grandiose, einschüchternd jenseitige Dimensionen. Und ist doch ganz schlicht.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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