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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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(c) Wikimedia Commons

Luther und die Musik

Klangvolles Bekenntnis

Der Reformator aus Eisleben hielt nichts von Schonkost. Auch sein Umgang mit Musik, ob im privaten Kreis oder für den Gottesdienstgebrauch, war kraftvoll – genau wie seine Texte.

Musik und christliche Liturgie brauchen einander, aber sie brachten es nur selten zu einem ungetrübten Liebesverhältnis: Schon der Kirchenvater Augustinus (354 – 430) hat die ambivalente Wirkung musikalischer Meisterleistungen innerhalb der Liturgie gekannt und thematisiert. Einerseits befand er: „Erklären können wir das Evangelium nicht, aber verschweigen dürfen wir es auch nicht. Also singen wir.“ Andererseits fürchtete Augustinus aber auch die verlockende Schönheit der Musik, die leicht vom Wesentlichen abzulenken vermag – auch wenn es zu Zeiten des besorgten Kirchenvaters freilich nur um einstimmige Gesänge ging. Mit den Jahrhunderten jedoch wurde die Kirchenmusik vor allem in Westeuropa immer komplexer, und angesichts dieser Entwicklung verstummte auch der Disput über das rechte Verhältnis von Kunstfülle und Liturgiewürdigkeit niemals. Kein Wunder also, dass die Musik auch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bei den Reformatoren wieder ein heißes Thema war und sie als sinnliche Kunst zur scharfen Reglementierung aufforderte (siehe Kasten).

Der Theologie liebste Schwester

Martin Luther dagegen hielt nichts von solchen Beschränkungen: Seine Liebe zur Musik war seit Kindertagen – er hatte in der Eisenacher Lateinschule Musik sowohl von der praktischen wie auch von der theoretischen Seite ausführlich kennengelernt – ungebrochen, auch im Blick auf die Brauchbarkeit der Musik im Rahmen des Gottesdienstes: Musik könne den Teufel vertreiben und mache das Gemüt froh, befand er und räumte der Tonkunst einen prominenten Platz gleich nach der Theologie ein. Dabei bezog er sich nicht nur auf einfaches Liedgut, sondern explizit auch auf die Kunstmusik seiner Zeit: Er verehrte Josquin Desprez und korrespondierte u. a. mit Ludwig Senfl.
Dass das Volk „viel deutscher Geseng (…) unter der Mess süng“, war ihm allerdings ein vordringliches Anliegen, und deshalb begann er selbst, sich als Liedermacher zu betätigen. Mit rund vierzig Liedern hat Luther in der einen oder anderen Weise kreativ zu tun: Die Gattung des Psalmliedes, die Calvin in Straßburg so fasziniert hatte, wurde als solche von Luther quasi „erfunden“. Das Psalmlied „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, aber auch das nicht psalmbasierte Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ in der heute vertrauten Fassung stammen mit Text und Melodie von Luther selbst.
Er hatte aber auch nichts dagegen, die wenigen bereits in der alten Kirche existierenden deutschsprachigen Lieder beizubehalten: „Die alten Lieder / die hernach folgen, haben wir auch mit auffgerafft / zum Zeugnis etlicher frommer Christen / so für uns gewest sind / in dem grossen Finsternis der falschen Lehre“, schrieb er dementsprechend im Wittenberger Gesangbuch von 1529. Luther griff auf bereits Bekanntes gern zurück, sofern es seiner Theologie nicht wiedersprach, und nutzte dann die Gelegenheit, die kurzen älteren Liedtexte in pastoraler Absicht weiterzudichten: Die einstrophige Weihnachtsleise „Gelobet seist du, Jesu Christ“ erweiterte er um sechs Strophen, der Pfingstleise „Nun bitten wir den Heiligen Geist“ fügte er drei Strophen hinzu. Das Ziel war immer, den theologischen Horizont zu erweitern: Wo das Volk im Gottesdienst zuvor nur hin und wieder einen kurzen Ruf einbringen durfte, sollte es nun ausführlich singend teilnehmen dürfen.
Schon das Wittenberger Liederbuch von 1529, an dem Johann WalWalther mitgearbeitet hat, enthielt auch mehrstimmige Liedsätze. Die zeitgenössischen Komponisten fühlten sich durch Luthers Musikliebe außerdem ermuntert, ihre höchste handwerkliche Kunstfertigkeit nun auch auf die neuen reformatorischen Liedmelodien anzuwenden. Und sie ließen sich durch Luthers sprachlich vortreffliche, kraftvolle Bibelübersetzung dazu anregen, ein ganz neues Verhältnis von Musik und Text zu erproben – jene „musikalische Rhetorik“, deren erster großer Meister bald darauf Heinrich Schütz werden sollte und deren Apotheose wir im geistlichen Werk von Bach erleben.

Empfehlungen zum Lutherjahr

Und genau jene Bach-Kantaten über Luther-Lieder legt Christoph Spering zum Lutherjahr nun in einer ebenso furios wie kompetent musizierten 4-CD-Box vor; hervorragende Solisten und Choristen sowie ein historisierendes Spitzenorchester machen hier viel Freude (Bach: Lutherkantaten, dhm/Sony). „The Playfords“ bieten hingegen unter dem Titel „Luther tanzt“ Neu- Arrangements protestantischer Lieder des 16. und 17. Jahrhunderts – es spielen alte Instrumente, und man liebäugelt mit einem leicht aufgepoppten Liedermacher-Idiom; der Textpräsenz immerhin tut das sehr gut (The Playfords: Luther tanzt, dhm/ Sony). Gleich zwei Boxen haben sich dem Thema in der Breite gewidmet: Die Doppelbox namens „The Sound Of Martin Luther“ präsentiert einerseits Musik, die Luther selbst gekannt haben könnte, zeigt andererseits aber auch exemplarisch, wie Luther nachgeborene Komponisten (Schütz, Bach, Mendelssohn, Brahms) inspiriert hat. Es handelt sich um Auskoppelungen alter, aber nicht unbedingt veralteter Einspielungen der 70er und 80er Jahre („The Sound Of Martin Luther“, Warner). Die 9-CD-Box kompiliert ebenfalls ältere Produktionen zum Thema „Luther und die Musik“, nach Stationen geordnet: Franz Vitzthum singt etwa zeitgenössisches Liedgut zur Laute, das ensemble officium zelebriert Geistliches von Ludwig Senfl, chant 1450 belegt, dass Calvin die kunstvolle mehrstimmige Bearbeitung seiner Genfer-Psalter- Lieder letztendlich nicht verhindern konnte. Schmankerl auf der neunten CD ist eine Luther-Lesung von Gerd Westphal (1966): Luthersche Sprachkraft trifft hier auf einen ebenbürtigen Interpreten („Luther und die Musik“, Christophorus/Note 1).

Musik auf dem Prüfstand

Huldrych Zwingli, der deutsch-schweizerische Kirchenerneuerer, verbannte die Musik vollständig aus dem Gottesdienst; lieber war ihm, dass „man stattdessen wohlgelehrte Männer einsetzt, die das Gotteswort treulich erklären“ – Wortgottesdienst pur also. Sein welsch-schweizerischer Kollege Johannes Calvin hatte indes als Exilant in Straßburg den neuen Gemeindegesang der deutschen Protestanten kennengelernt. Besonders erwärmte er sich für die neue Gattung des „Psalmliedes“: Psalmen wurden hierfür in volkssprachliche Liedstrophen umgewandelt und mit zugkräftigen Liedmelodien dem Volk zum aktiven Glaubensbekenntnis verfügbar gemacht. Calvins eigener „Genfer Psalter“ war 1562 abgeschlossen; die Lieder wurden bewusst nur einstimmig und unbegleitet (!) im westschweizerischen Gottesdienst gesungen.

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 5 / 2016



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