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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Schiefer Realismus: Richard Wagners „Parsifal“

Bayreuther Festspiele

Was auf der sich nach tastendem Vorspielbeginn schon über dem Gralsthema öffnenden Bayreuther Festspielhausszene von Gisbert Jäkel zu sehen ist, könnte aktueller nicht sein. Regisseur Uwe Eric Laufenberg möchte, ganz gegen den Trend, zurück zum Realismus, um so Wagners Librettowort Genüge zu tun.
In einer sektiererisch-christlichen Diasporagemeinde, angesiedelt in einer ruinösen Kirche im Irak, wird der rote Körpersaft des als Christus-Kopie mit Fitnessstudio-Body auf einem Riesentaufbecken posierenden Priesterkönigs gesüffelt: „Jesus Amfortas Superstar“ (Ryan McKinny mit tiefliegendem Bariton). Gleichzeit werden Flüchtlinge beherbergt. Soldaten marschieren, Touristen folgen. Der bebrillte Gralshausmeister Gurnemanz (wundervoll gesammelt: Georg Zeppenfeld) kümmert sich professionell reserviert um die Schutzsuchenden. Und beschäftigt sich mit einem anderen Eindringling: dem Parsifal Klaus Florian Vogts, mit Nazi-Pimpf-Perücke und einer erst ab Ende des zweiten Akts bewährt berückenden, silbrigen Tenortrompete.
Laufenberg zeigt alles: den Gralskelch, den Schwan, die Wunde, die Lanze. Im zweiten Akt, die Kirche ist jetzt ein orientalisch gekacheltes Bad, wo der abtrünnige Ritter Klingsor (mäßig: Gerd Grochowski) von seiner auch mit blasphemischen Kreuzen verzierten Kanzel aus herrscht. Die Parsifal-Entjungferung beginnen Damen in ortsüblichen Tschadors, darunter tragen sie Bauchtanzkostüme zur Reinen-Tor- Verführung im Serail-Hamam. Dann gibt die höhenstrahlende Kundry Elena Pankratovas die Höllenrose von Stambul.
Hartmut Haenchen, durch den Abgang von Andris Nelsons im Graben endlich zu Bayreuth- Ehren gekommener Einspringer, begleitet das Kulissentheater in prickelndem Kontrast – zügig voranschreitend, nüchtern. Der Preis: kaum Ergriffensein. Zudem wird Laufenbergs Inszenierung angreifbar durch schiefe Bilder, mangelnde Konsequenz. Bis sich im Finale alles nur als schaler Theaterzauber erweist und Parsifal als nebulöser Erlöser im künstlichen Bühnendunst aufgeht. Das hatten wir in Bayreuth schon aufregender gesehen.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 4 / 2016



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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