home

N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Stofleth

Der König pflanzt: Jacques Offenbachs „Le Roi carotte“

Oper, Lyon (FR)

Ein König wird abgesetzt, eine krächzende Karotte, eben der Ackerfurche entschlüpft, erobert die Welt. Radieschen und Kohlrabis helfen dabei. Dazwischen wird nach Pompei zeitgereist, wo man als hinreißendes Quintett die Vorzüge der Eisenbahn beschwört. Es gibt Hexenflüche und ein Bienenballett, zwei als Kerle verkleidete Frauen und diverse intrigante Minister. Der Ring Salomons wird gesucht. Und natürlich handelt das alles letztlich von Liebe. Nur die eigentlich noch vorgesehenen Affen fehlen.
Kein Wunder: Sechs Stunden dauerte bei der Pariser Uraufführung 1873 „Le Roi carotte“ von Victorien Sardou und Jacques Offenbach. Der Librettist, dem hier eine scharfe Satire auf den eben vom deutsch-französischen Krieg verwirbelten Napoleon III. gelang, kennt man heute höchstens noch als Verfasser schwülstiger Salonstücke à la „Tosca“. Und von vielen der knapp hundert Musiktheaterwerke Offenbachs weiß man höchstens den Titel. So wie von dem zwar heftig gefeierten, aber durch seinen immensen Aufwand (1500 Kostüme und 19 Bühnenbilder bei der Uraufführung!) alle Interessenten abschreckenden Karottenkönig. Die Autoren selbst kürzten ihre „Opéra-bouffe- feerie“ auf drei Stunden und elf Bilder herunter; dennoch wurde das Werk nach 1877 nur noch selten in radikal beschnittenen Kammerbearbeitungen gegeben. Es existierte quasi jenseits des in jedem Offenbach-Kompendium abgebildeten Plakats nicht mehr.
Seit Jahren wollte der als Offenbach-Regisseur in Frankreich und England gefeierte Laurent Pelly „Le Roi carotte“ auf die Bühne bringen. Lyon, so etwas wie sein Stammhaus, erfüllte ihm jetzt diesen Wunsch. Zwar gibt es kein Ballett, Insekten wurden – neben den vom Chor lustvoll verkörperten Ameisen – nur als Bilderparade vorbeigetragen, die Affen und vieles andere fehlten in der szenischen Fassung ganz. Doch dieses einstige Schauspiel mit Musik begeisterte trotzdem ungemein: als flott eingedampfte, bös-prophetische Operette mit kitschig-süßem Love-Story-Glanz, herrlich gesungen von muttersprachlichen Lustbarkeits- Experten Yann Beuron (der dusselige König Friedolin XXIV.), Julie Boulianne (die kerlige Fee Robin-Luron) und Antoinette Dennefeld (die zickige Prinzessin Cunégonde), das Ganze von dem jungen Victor Aviat mitreißend dirigiert als eine Art vegetarisches „Les miserables“. Bis am Ende der böse König Karotte (knackig: Christophe Mortagne) standesgemäß sein Ende in der Gemüsepresse findet und als braune Soße wieder in die Erde tropft, der er entstiegen ist.

Roland Mackes, 05.03.2016, RONDO Ausgabe 1 / 2016



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Hausbesuch

Mariani Klavierquartett

Von der Seele in die Partitur

Das Mariani Klavierquartett widmet sich auf seinem neuen Album den spätromantischen […]
zum Artikel

Pasticcio

Sturm über England

Meldungen und Meinungen der Musikwelt

Aktuell sind in London zahllose Musikschaffende auf 180. Denn nach dem Willen der neuen Regierung […]
zum Artikel

Festival

Opernfestspiele Heidenheim

Oper unterm Himmelszelt

„Da Capo“ lautet das diesjährige Motto der Opernfestspiele, die in einer atemberaubenden […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Auf Anregung seines Lehrers Carl Friedrich Zelter schrieb der blutjunge Felix Mendelssohn Bartholdy im Alter von 12 bis 14 Jahren zwölf Streichersinfonien im Zeitraum von 1821 bis 1823. Diese Werke bildeten sein Übungs- und Experimentierterrain für den musikalischen Satz, die Instrumentation und die sinfonische Form. Mendelssohn überschrieb die Stücke, die er mal mit drei und mal mit vier Sätzen gestaltete, wechselweise mit „Sinfonia“ oder „Sonata“. In ihnen fand die […] mehr


Abo

Top