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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Künstlerfreu(n)de: Mozart (Tom Hulce) und Salieri (F. Murray Abraham) in Miloš Formans "Amadeus" (c) Tobis

Pasticcio

KV 477a

Regisseur Miloš Forman hat schwere Schuld auf sich geladen. Denn seitdem er in seinem Kinohit „Amadeus“ den Mozart-Zeitgenossen und Komponistenkollegen Antonio Salieri als rechten Unsympath gezeichnet hatte, der an Mozarts Genie mehr als verzweifelte, hat der Italiener den Ruf als Bad Boy der Musikgeschichte weg. Dass alles nur eine reißerisch aufgemachte Kino-Fiktion war, konnte man sich zwar denken. Doch ein kleiner Notenfund dürfte das Image von Salieri nun endlich zu Recht aufpolieren. Denn in den Archiven des Prager Nationalmuseums hat der deutsche Musikwissenschaftler, Komponist und Salieri-Kenner Timo Jouko Herrmann das Libretto und den Klavierauszug einer Kantate aufgespürt, die beweist: Mozart und Salieri waren sich keinesfalls spinnefeind. Im Gegenteil. Bisweilen komponierte man sogar zusammen. Wie eben das Vokalstück „Per la ricuperata salute di Ofelia", das 1785 auf einen Text von Lorenzo da Ponte entstand und anlässlich der Wiedergenesung der italienisch-englischen Sängerin Nancy Storace geschrieben wurde.
Die Forschung wusste schon lange von der Existenz dieses Kleinods. So stand im „Wiener Blättchen“ vom 26. September 1785: „Über die glückliche Genesung der beliebten Virtuosin Madame Storace hat der k.k. Hoftheaterpoet Abb. da Ponte ein italienisches Freudenlied angefertigt: ‚Per la ricuperata salute di Ofelia‘. Dieses ist von den berühmten drei Kapellmeistern Salieri, Mozart und Cornetti in die Musik zu singen beim Clavier gesetzt worden und wird in der Kunsthandlung Artaria & Comp. auf dem Michaelerplatz um 17 Kreuzer verkauft.“ 1937 fand das Werk seinen festen Platz selbst im Köchelverzeichnis unter der Nummer 477a. Nun also ist die als verschollen geglaubte Gemeinschaftsarbeit von Mozart, Salieri und dem gewissen Cornetti wieder aufgetaucht und soll pünktlich zur kommenden Frankfurter Musikmesse veröffentlicht werden. Vielleicht schreibt der inzwischen hochbetagte Miloš Forman dazu ja dann auch ein paar Grußworte.

Guido Fischer



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