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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Altersradikalität: Nikolaus Harnoncourt nahm Abschied vom Dirigentenpult (c) Marco Borggreve/Sony

Pasticcio

Undogmatischer Revolutionär

Wenn Nikolaus Harnoncourt am Pult mal wieder seine Augen weit aufgerissen und diesen fordernden Laser-Blick aufgesetzt hatte, sollte nichts mehr so klingen wie bisher. Ob Bach oder Beethoven, Monteverdi oder Mozart, Verdi oder Weber. Schließlich wurden die Partituren im Vorfeld von ihm nicht einfach nach bestmöglichem Quellenstudium analysiert, durchgeputzt und von allen Eselsohren befreit, die sich im Laufe einer langen Interpretationsgeschichte gebildet haben. Bei Harnoncourt gehörte zur auf- und anregenden Neubelichtung des Notentextes immer auch die Überzeugung, dass Werke nichts erzählen ohne das nötige, tiefe musikalische Empfinden. „Musik als Klangrede“ lautete daher ein Buch, mit dem dieser nimmermüde und vor allem (auch selbst-)kritische Klangbilderstürmer einen wertvollen Blick in sein visionäres Denken gewährte. Und dass er selbst im hohen Alter keine musikalische Altersmilde kannte, konnte seine Frau Alice in einem Interview bestätigen: „Er ist zum Teil viel radikaler geworden im Ausdruck.“ Doch selbst der hellwachste Geist kommt nicht immer gegen eine angeschlagene Physis an. Und so musste Harnoncourt am Vorabend seines 86. Geburtstags einen für die Musikwelt schmerzlichen Schritt verkünden: aus gesundheitlichen Gründen verabschiedete er sich für immer vom Dirigentenpult. Mitgeteilt hatte er diese Entscheidung in einem Brief, der als Faksimile dem Programmheft für ein Bach-Konzert der Styriarte im Wiener Musikverein beilag, das er ursprünglich leiten sollte. In dem Brief heißt es da: „Liebes Publikum, meine körperlichen Kräfte gebieten eine Absage meiner weiteren Pläne. Da kommen große Gedanken hoch: zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal hat sich eine ungewöhnlich tiefe Beziehung aufgebaut. Wir sind eine glückliche Entdeckergemeinschaft geworden!“
Dieser Abschiedsgruß bedeutet aber zum Glück nicht, dass wir ab sofort so rein gar nichts mehr von Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d‘Harnoncourt-Unverzagt hören werden, wie der gebürtige Berliner korrekt heißt. Immerhin bleibt ihm etwa seine Passion für die Musikschriftstellerei. Derweil ruft man sich gerne noch einmal in Erinnerung, was Harnoncourt mit seinem legendären Concentus Musicus sowie den Weltklasseorchestern aus Amsterdam, Berlin und Wien an Großtaten gelungen ist. Zumal das Gros seiner vielen hundert Einspielungen weiterhin staunen macht und überdeutlich werden lässt, wie Nikolaus Harnoncourt unser Hören verändert hat.

Guido Fischer



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