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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Le sacre du printemps

Prähistorischer Jazz

Vor 100 Jahren wurde in Paris Igor Strawinskis „Le sacre du printemps“ uraufgeführt – mit einem der größten Skandale der Musikgeschichte.

Am 31. März 1913 wurde auf der Pariser Nobel-Avenue Montaigne Nr. 15 das Théâtre des Champs-Elysées mit einem Festkonzert eingeweiht. Auf dem Programm stand Hector Berlioz´ „Benvenuto Cellini“. Und auch der anwesende europäische Hochadel zeigte sich hellauf begeistert. Der Eröffnungstusch für die „Grande Saison“ war also geglückt. Doch Intendant Gabriel Astruc ahnte da noch nicht, dass sein schmucker Art Déco-Tempel bereits knapp zwei Monate später in seinen Grundfesten erschüttert werden sollte.
Dabei hatte Astruc bei seiner Saisonplanung zumindest formal alles richtig gemacht, als er Igor Strawinski und die „Balletts russes“ für den Mai einlud. Denn dank der erfolgreichen Uraufführungen von Strawinskis Balletten „Der Feuervogel“ (1910) und „Pétrouchka“ (1911) galten der Komponist und die Kompanie in Paris als neue Sensation. „Aller guten Dinge sind drei“, dachte sich Astruc und engagierte nun das Erfolgsteam, um Strawinskis „Le sacre du printemps“ in der Choreografie von Waslaw Nijinski auf den Brettern des Théâtre des Champs-Elysées aus der Taufe zu heben. Bei der Generalprobe verlief noch alles ruhig. Am 29. Mai 1913 aber, am Premierenabend, erlebte das Haus eine einzige Publikumsexplosion. „Schon bald nach dem Aufgehen des Vorhangs begann man zu miauen und laut Vorschläge für den Fortgang der Vorstellung zu machen“, so der Musikkritiker Carl van Vechten. „Ein junger Mann, der hinter mir in der Loge saß, stand während des Balletts auf, um besser zu sehen. Die starke Erregung, unter der er litt, verriet sich darin, dass er regelmäßig mit seinen Fäusten auf meinen Kopf trommelte. Meine Aufregung war so groß, dass ich die Schläge eine Zeit lang gar nicht spürte.“ Je länger die Vorstellung dauerte, desto mehr ging man auf die Barrikaden. Hier duellierte man sich mit Schirmen. Dort ohrfeigte eine feine Dame einen jungen Herrn. Der Skandal war perfekt. Von dem Tumult von einst hat sich das edle Haus in der Avenue Montaigne natürlich längst erholt. Und Strawinskis Werk zählt zu den meisteingespielten Evergreens der klassischen Moderne (aktuell führen die CD-Kataloge rund 130 Einspielungen). Angesichts seiner tiefen Verwurzelung in der russischen Volksmusik sowie der fehlenden Komplexität in der Harmonik hinkte „Le sacre du printemps“ zu seiner Entstehungszeit eigentlich schon hinter den Revolutionen her, die Claude Debussy und die Wiener Zwölftonkollegen ausgelöst hatten. Doch mit seiner „Emanzipation des rhythmisch Percussiven“ schuf er Musik von einer geradezu primitiven Urgewalt, die das Archaische im Menschen anzusprechen scheint. Bei aller komplexen Polyrhythmik, auf die später ebenfalls Bartók, Varèse und Xenakis setzten, wird man instinktiv vom scheinbar Vertrauten angezogen. Wohl auch deshalb gilt Strawinskis „Frühlingsopfer“ als zeitloser Meilenstein der Musikgeschichte, der dementsprechend anlässlich des 100. Jahrestages seiner Uraufführung umfassend vom CD-Markt gewürdigt wird.
Dass dabei allein zehn verschiedene Aufnahmen eines einziges Werks in einer 10 CD-Box gebündelt werden, spricht für den Sonderstatus von Strawinskis ekstatischem „Massacre du printemps“ (Debussy). Von 1929 (mit Leopold Stokowski) über den Uraufführungsdirigenten Monteux (1951) bis zu Pierre Boulez (1969) und Michael Tilson Thomas (1996) reichen die unterschiedlichen, mal elektrisierenden, mal streng analytisch angelegten „Sacre“- Konzepte. Und Strawinskis phänomenale Aufnahme von 1960 gibt es zudem im Doppelalbum „Strawinski Conducts“, auf dem der Komponist auch den „Feuervogel“ dirigiert. Mehr als nur historisch wertvoll ist die gleichermaßen wieder aufgelegte Einspielung Leonard Bernsteins von 1958. Bernstein zog mit den überragenden New Yorker Philharmonikern alle Register, um die irrwitzige Drastik und Brutalität dieser Musik unter Hochspannung zu setzen.
Reichlich Dampf aus dem Kessel nimmt dagegen in seiner Neueinspielung Daniele Gatti mit seinem Orchestre National de France. Dafür besitzt er zumindest jenes exquisite Gespür auch für das irisierend-impressionistische Kolorit, das Boulez in seiner Aufnahme von 1991 beherzigte (diese Einspielung gibt es in der 4 CDBox „A History of Le sacre du printemps“). Last but not least meldet sich Simon Rattle nach seiner ersten Einspielung mit dem „Youth Orchestra of Great Britain“ sowie dem „Sacre“- Projekt „Rhythm Is It!“ nun noch einmal live aus der Berliner Philharmonie zu Wort. Im November 2012 folgten ihm seine Philharmoniker mit einer spieltechnisch schier unglaublichen Coolness durch eine Partitur, von der man nicht vermutet hätte, dass man in ihr noch so viele faszinierende Entdeckungen machen kann.

Simon Rattle, Berliner Philharmoniker

EMI Classics

Daniele Gatti, Orchestre National de France

Sony

100th Anniversary Collection: Aufnahmen mit Stokowski, Strawinski, Boulez, Salonen u. a.

RCA/Sony

Leonard Bernstein, New York Philharmonic

Sony

A History of Le sacre du printemps: Aufnahmen von Boulez, Chailly, Gergiev u. a.

Decca/Universal

Strawinski & Les Ballets russe

Bel Air/harmonia mundi

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2013



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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