home

N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Startseite · Klang · Testgelände

Glenn Gould

Der Marlon Brando des Klaviers

Glenn Goulds erste Studioaufnahme der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach hat auch heute – nach fünfzig Jahren – nichts von ihrer Faszination und ihrer Bedeutung eingebüßt. War das damals schon absehbar, als Gould am 6. Juni 1955 erstmals die New Yorker Columbia- Studios in der 30. Straße betrat? Sicher, die beiden ersten USA-Recitals, die der 23-jährige Kanadier kaum fünf Monate zuvor in Washington und New York gegeben hatte, waren sensationell gewesen,

Glenn Goulds erste Studioaufnahme der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach hat auch heute – nach fünfzig Jahren – nichts von ihrer Faszination und ihrer Bedeutung eingebüßt. War das damals schon absehbar, als Gould am 6. Juni 1955 erstmals die New Yorker Columbia- Studios in der 30. Straße betrat? Sicher, die beiden ersten USA-Recitals, die der 23-jährige Kanadier kaum fünf Monate zuvor in Washington und New York gegeben hatte, waren sensationell gewesen, und die Presse hatte sich vor Begeisterung überschlagen. Aber für David Oppenheim, den Leiter der Columbia Masterworks, wird die geradezu auratische Ausstrahlung Goulds wohl ebenso wichtig gewesen sein wie seine einzigartige Pianistik. Gould entsprach auf ideale Weise dem Zeitgeist: eine Mischung aus dem „Jimmy Porter“, den John Osborne 1956 in seinem Schauspiel „Look Back in Anger“ auf die Bühne brachte, und dem „Holden Caulfield“ aus Jerome Salingers 1951 erschienenem Erfolgsroman „The Catcher in the Rye“. Ein „junger Wilder“ der Musik. Ein „Marlon Brando des Klaviers“, wie The New Yorker schrieb. Ein „angry young man“ – einerseits ein unbequemer Störenfried und Aufrührer im etablierten Musikbetrieb, andererseits ein Künstler von „geradezu hypnotischer Ausstrahlung“, der in gleichem Maße das Zeug zum Idol hatte wie der 1955 tödlich verunglückte James Dean. Der Exklusivvertrag mit der Columbia, den Oppenheim Gould anbot (und der bis zu seinem Tode fortbestand), war das eine; das andere war die insistierende Pressekampagne, die Deborah Ishlon als Marketing- und PR-Managerin des Labels rund um Goulds Debüt veranstaltete – selbst auf die Gefahr hin, einzelne Kritiker eher abzuschrecken als zu überzeugen. Es war, wie Kevin Bazzana schreibt, „the most hyped recording debut by the most hyped young performer in classical-music history“. Dabei hatte die Columbia von Anfang an auf die Breitenwirkung jener Hochglanz-Magazine gesetzt, in denen klassische Musik sonst eher eine marginale Rolle spielte.
Man mag diese Art der Vermarktung durchaus kritisch sehen; aber sie wäre zweifellos ins Leere gelaufen, wenn Glenn Gould nicht eben – Glenn Gould gewesen wäre. Ein anderer, weniger genialer Künstler hätte bestenfalls ein Strohfeuer entfacht, statt jenes pianistischen „Flächenbrands“, der bis heute fortglüht.

Michael Stegemann

Neu erschienen:

The 1955 Goldberg Variations. Birth Of A Legend

Glenn Gould

Sony

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Rondo Redaktion, RONDO Ausgabe 3 / 2005



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Halbmast in Paris und Wien

Es gibt einen Schnappschuss aus dem Wiener Musikvereinsaal anno 2010, auf dem Georges Prêtre in […]
zum Artikel

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Im letzten November bekam der Klassikbetrieb Schnappatmung. Da wurde an der Mailänder Scala die […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Der Beginn ist bekanntlich eine sehr delikate Phase. Womit also fängt man an, als junges Klaviertrio, die ersten Schritte machend auf dem diskografischen Karriereweg? Das Silver Trio hat für sein Album-Debüt Beethoven, Rachmaninow und Bernstein ausgewählt. Eine durchaus merkwürdige Kombination, nicht weil man Musik verschiedener Epochen nicht auf einer CD vereinen dürfe – ganz im Gegenteil, so machen es viele Ensembles teils mit großem Erfolg. Da einem aber irgendwie keine Verbindung […] mehr


Abo

Top