home

N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Startseite · Künstler · Gefragt

Im Internet des Altertums

Yo-Yo Ma

Yo-Yo Ma legt einen neuen Forschungsklangbericht seines Seidenstraßen- Projekts vor – ein klingender Gedankenaustausch, der den amerikanischen Cellisten mit ganz unterschiedlichen Musikern entlang der alten Handelsstraße zusammenführte.

Als Claude Debussy und Maurice Ravel 1889 auf der Pariser Weltausstellung herumschlenderten, war es plötzlich um sie geschehen. In der erstmaligen Begegnung mit den exotischen Tänzern aus Bali und der Gamelan- Musik begriffen sie, dass der eurozentristische Blick auf die abendländische Hochkultur sie lange genug eingeengt hatte. Zwar warfen Debussy und Ravel die Celli, Klaviere und Blasinstrumente deshalb nicht gleich in die Ecke. Aber die von weiter Ferne hineingewehten Klang- und Formsprachen hoben ihr musikalisches Weltbild schon nachhaltig aus den Angeln. Heute sind solche erdbebengleichen Erlebnisse eher eine Seltenheit. Seit der Geburt der Schallaufzeichnung und dem Ausbau des Fernverkehrsnetzes ist die Begegnung mit fremden Kulturen längst zur Selbstverständlichkeit geworden, lassen solche Etiketten wie „Crossover“ die Koordinaten und Himmelsrichtungen immer mehr zusammenrücken.
Eine solche populäre Multikulti-Gleichmacherei hatte der amerikanische Meistercellist Yo-Yo Ma aber nicht im Hinterkopf, als er 1998 mit seiner Hommage an die sagenumwobene Seidenstraße eine der außergewöhnlichsten Expeditionen anschob: „Mit dem ‚Silk Road Project‘ will ich die Tiefe, die Substanz der verschiedenen Klänge entdecken. Ich möchte ihre Mechanismen, Techniken und Traditionen verstehen.“ Um sich ganz auf die Spuren dieser legendären Route zu begeben, müsste er insgesamt 10.000 Kilometer abfahren. Genau die Strecke vom östlichen Mittelmeer der Türkei bis ans andere Ende Chinas also, die vom ersten Jahrtausend v. Chr. bis ins 14. Jahrhundert vitales Drehkreuz für Handelswaren, philosophischreligiöse Geistesblitze und künstlerische Strömungen war. In diesem „Internet des Altertums“, wie Yo-Yo Ma die Seidenstraße bezeichnet, war alles in Bewegung. „Sie ist als kulturübergreifende Verbindungslinie für mich faszinierendes Symbol für die Vielseitigkeit von Kommunikation, die sich auch in der Musik festmacht.“
Seit sieben Jahren bereist Yo-Yo Ma nun die Seidenstraße mit einem Kompetenzteam aus Musikern und Klangethnografen – um „ungewöhnliche Ideen, Talente und Energien in die Welt der Klassik zu bringen“. Und so ist denn Yo-Yo Ma auch mit der gerade beendeten zweiten Tour „Beyond The Horizon“, die ihn und sein „Silk Road“-Ensemble in die Mongolei und in den Iran, nach Aserbaidschan, Armenien und natürlich nach China führt ein ohrenöffnender Gedankenaustausch gelungen. Mit reichlich authentischer Würze, wenn beispielsweise Ma sein samtenes Cellospiel mit den kontemplativ-schwebenden Vokal- Künsten des Chinesen Wu Tong verknüpft. Oder wenn der persische Virtuose Kayhan Kalhor seine Stachelfiedel in Stellung bringt, dann beginnt ein rasanter Wettlauf von tausendundeinem galoppierenden Pferd durch den wilden Orient. Die einzelnen folkloristischen Dialekte verkümmern so nicht im populistischen „Worldmusic“- Kauderwelsch, sondern zeigen sich so weltoffen wie bodenständig verwurzelt. Und einmal mehr unterstreicht Yo-Yo Ma mit seiner Leidenschaft für musikalische Reisen seinen Spitznamen, den er sich seit spätestens 1998 mehr als verdient hat: Marco Polo auf vier Saiten.

Neu erschienen:

Silk Road Journeys – Beyond The Horizon

Sony

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 4 / 2005



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Kerson Leong

Grundnahrungsmittel für Violinen

Der kanadische Geiger spielt die Solosonaten von Eugène Ysaÿe mit brennender Intensität und […]
zum Artikel

Pasticcio

Zwei bis drei große M´s

Als im April 2016 im Leipziger Gewandhaus ein Gedenkkonzert gegeben wurde zu Ehren des im Vorjahr […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Der Beginn ist bekanntlich eine sehr delikate Phase. Womit also fängt man an, als junges Klaviertrio, die ersten Schritte machend auf dem diskografischen Karriereweg? Das Silver Trio hat für sein Album-Debüt Beethoven, Rachmaninow und Bernstein ausgewählt. Eine durchaus merkwürdige Kombination, nicht weil man Musik verschiedener Epochen nicht auf einer CD vereinen dürfe – ganz im Gegenteil, so machen es viele Ensembles teils mit großem Erfolg. Da einem aber irgendwie keine Verbindung […] mehr


Abo

Top