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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Phänomenale Bux-Box

Das Wesen einer Gesamteinspielung hat primär immer auch etwas Enzyklopädisches: Kein Mensch hört sich den ganzen Mozart, den ganzen Schubert oder (Gott bewahre vor der bloßen Menge) den ganzen Vivaldi an. Doch gerade in der Bewegung der Aufführungspraktiker ging seit jeher ein seltsamer Zauber von solchen Gesamtschauen aus – vielleicht nicht von ungefähr, es fallen als Gründungssternstunden ins 19. Jahrhundert auch die Anfänge der Werkausgaben von Händel, Bach und Schütz. Repertoire sichten und sichern bleibt die Voraussetzung so vieler betörender Neuschöpfungen Alter Musik für heutige Ohren. Doch über allem Anfangszauber droht hier auch die Gefahr des Scheiterns, wenn musikologischer Sammlerfleiß auf die Mechanik des Marktes prallt. Selten teilen die Labelverantwortlichen den langen Atem ihrer Musiker in Langzeitprojekten, sobald die Verkäufe merklich zu sinken beginnen.
Das musste auch Ton Koopman mit seiner Gesamteinspielung der Kantaten Johann Sebastian Bachs erfahren. Nach zwei Dritteln der Strecke stand das Projekt mit der Schließung von Erato vor dem Aus. Doch Koopman kaufte die Bänder zurück, wiederveröffentlichte und beendete den Kantaten-Marathon auf seinem neu gegründeten Eigenlabel „Antoine Marchand“. Logistisch scheint er daraus eine Menge gelernt zu haben. Seine Buxtehude-Gesamteinspielung, die gerade mit Folge XX bei Challenge zum Abschluss kam (siehe Rezension in dieser Ausgabe), schnurrte mit gemächlichem Tempo, aber ohne größere Tücken durch – wenn man einmal davon absieht, dass Koopmans Projekt zwischendurch der Förderung durch die Niederlande verlustig ging und er zusätzlich zu der ihm eigenen Energie und Hartnäckigkeit auch aus eigener Tasche einspringen musste.
Man kann nur aus vollem Herzen gratulieren – und das nicht nur Ton Koopman und seinem Stab, sondern auch dem Hörer und der Musikwelt. Einen Komponisten so vollständig klanglich zu re-präsentieren, der – wie es Michael Wersin seinerzeit zur ersten Folge in RONDO schrieb – stets nur eine Fußnote in der Biografie Bachs war, gibt dem OEuvre seinen Eigenwert zurück. Außerdem kann Koopman ein Missverhältnis geraderücken: Fanden einzelne Vokalkonzerte und Kantaten immer wieder den Weg in die Kirche oder auf Tonträger, waren die Cembalowerke Buxtehudes in dieser Edition eine echte Neuentdeckung. Dabei ist keines davon von seiner eigenen Hand überliefert oder jemals in Druck gegeben worden, ein Zeichen dafür, dass seine Suiten und Variationen eifrig herumgereicht und gesammelt worden sind. Juwelen der Sammlung sind auch die Kammermusikwerke, die Koopman mit eingespieltem und inspiriertem Kollegenkreis zum Funkeln brachte.
So eine Gesamtschau aus einer einzelnen künstlerischen Perspektive hat natürlich auch Schattenseiten, die nicht verschwiegen werden sollen: Während der instrumentale Part, mit Koopman selbst an Cembalo und Orgel als Epizentrum einer ungemein vitalen und reich verzierenden Continuopraxis, auch in größeren Werken stets brillant ausfiel, geriet ihm die Sängerbesetzung – vielleicht, weil vom Nicht-Sänger Koopman ebenso kollegial über Weggefährten angegangen – zuweilen von uneinheitlicher Qualität. Ein Hauptwerk Buxtehudes, die „Membra Jesu nostri“, schaffen es im Aufnahmevergleich so gerade mal in’s gute Mittelfeld.
Dennoch: Mit dieser phänomenalen „Bux-Box“ hat Koopman bewundernswerte Pionierarbeit geleistet – das muss man erst einmal im Alleingang hinkriegen. Ihm und dem Lübecker Marienorganisten Buxtehude bleibt zu wünschen, dass so mancher den Würfel schon insgeheim für seinen Gabentisch vorgemerkt hat.

Neu erschienen:

Buxtehude

Opera Omnia I–XX (29CDs + DVD)

Miriam Feuersinger, Dorothee Wohlgemuth, Bettina Pahn, Siri Karoline Thornhill, Johannette Zomer, Bogna Bartosz, Amaryllis Dieltiens, Maarten Engeltjes, Tilman Lichdi, Klaus Mertens, Jörg Dürmüller, Catherine Manson, Paolo Pandolfo, Mike Fentross, Amst

Challenge/New Arts International

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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