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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Club Concert

Rock kommt von Barock

Ob im Berliner Radialsystem, im Berghain, im Frankfurter Cocoon oder im BA SF-Gesellschaftshaus in Ludwigshafen: Klassik ist längst nicht mehr nur auf den Konzertsaal beschränkt. In den Clubs der Bundesrepublik ertönen immer öfter Geigen und Flügel bei kochender Atmosphäre, während sich bekannte Szene-DJs dazugesellen und klassische Werke der Musikgeschichte neu interpretieren. Ist das gezwungen oder cool? Eine PR-Strategie oder eine wirklich neue Klangerfahrung, die sich lohnt? RONDO-Autor Tomasz Kurianowicz hat sich dem Selbstversuch unterzogen.

Es ist schwül, es ist stickig und es wäre unerträglich, wenn nicht das Bier in der Hand aus dem Eisfach käme. Für gewöhnlich ist das Watergate einer der am meisten angesagten Elektro-Clubs in Berlin, der Partymetropole der Bundesrepublik, wo sich Touristen und Einheimische Abend für Abend in die Besinnungslosigkeit tanzen. Die bekanntesten DJs der Welt treten hier auf und bringen das Feiervolk zum Schwitzen. Der Schweiß steht dem Publikum auch heute auf der Stirn, doch diesmal nicht wegen der Elektro-Beats und der schnellen Synthesizer- Rhythmen, sondern wegen drei heißblütiger Spanier, die den Saal mit hinreißender Gambenmusik zum Kochen bringen. Ungewöhnlich, aber wahr: Die Gambenspieler Fahmi und Rami Alqhai und der Barockgitarrist Enrique Solinis haben mindestens soviel Volt in den Fingern wie ein ausgewachsener Lautsprecher im Club.
›Klassiklounge‹ heißt das Konzept, das vom RBB - Kulturradio organisiert wird und jungen Leuten einen erfrischenden Einblick in die Klassik-Welt bieten soll. Spätestens seit der 2001 gegründeten Yellow Lounge des Labels Universal ist das Prinzip bekannt. Auch andere Veranstalter wie das Radialsystem ziehen nach und experimentieren an der Grenze zwischen digitaler und analoger Musik.
Doch geht das Konzept auch wirklich auf? Die Erfahrung zeigt: Die vielen Cross-Over-Projekte, die sich im letzten Jahrzehnt in Berliner Clubs etabliert haben, aber auch in der Provinz wie im BA SFGesellschaftshaus in Ludwigshafen (wo beim Jetztmusikfestival DJ Stefan Goldmann auf das Casal Quartett traf), müssen nicht gelingen, sie können durchaus auch Krampfhaftes und Prätentiöses an sich haben. Die Veranstalter künden meistens revolutionäre Klangexperimente an, wobei sich die Abende nicht selten als gewöhnliche Klassik-Konzerte im ungewöhnlichen Ambiente entpuppen. Die betagten Konzertgänger bekommen auf diese Weise die Gelegenheit, die bekanntesten Clubs aus der »Yellow Press« kennenzulernen, ohne sich mit grimmigen Türstehern herumschlagen zu müssen. So lautet jedenfalls das Vorurteil.
Heute aber werden wir eines Besseren belehrt: Zwar ist es im schwülen Watergate für die historischen Barock-Instrumente viel zu heiß – die Gamben wollen nicht so richtig stimmen und die Barockgitarre kann sich gegen den schalen Raumklang nicht vollständig durchsetzen. Wenn man aber auf die Gesichter im Publikum schaut, sieht man, dass sich der Einsatz gelohnt hat: Es sind vor allem junge Menschen da, lässig gekleidet und neugierig schauend, die in den Club ausnahmsweise nicht zum Tanzen gekommen sind, sondern um eine ungewohnte musikalische Erfahrung zu machen. Die Stimmung ist entspannt: Während im Raum Antonio de Cabezóns »Diferencias sobre guárdame las vacas« ertönt – ein spritziges Stück, dem man sein 500-jähriges Alter wahrlich nicht anmerkt –, schaut ein Pärchen auf dem clubeigenen Steg über der Spree in einen goldgelben Sonnenuntergang. Man kann sich sicher sein: Die Beiden werden wiederkommen.
Die Spanier spielen sich derweil in Rage und legen einige Schmankerl nach, die zu verstehen geben, dass Musik – ob nun aus dem tiefreligiösen Mittelalter oder aus der säkularen Moderne – nicht nur der intellektuellen Bereicherung dienen kann, sondern ganz profan der Unterhaltung. Schon allein diese verbindende Erkenntnis rechtfertigt das Konzept. Man weiß gar nicht, was revolutionärer daherkommt : die spanischen Gambenstücke aus dem Barock oder der Jimmy-Hendrix-Song »Voodoo Child«, der jetzt in irrsinnig schnellem Tempo in einer Interpretation für Gamben und Gitarre durch den Saal hallt. Sicher ist nur, dass DJ Gagarino, der nach den Ba/Rockmusikern mit regulärem Club-Programm auftritt, es ziemlich schwer haben wird, die eingeheizte Stimmung noch zu übertreffen.

Tomasz Kurianowicz, RONDO Ausgabe 3 / 2012



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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