home

N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



Startseite · Konzert · Da Capo

Bartoli deluxe: Gioachino Rossinis »Otello«

Zürich (CH), Opernhaus

Sie jauchzt und maunzt. Kiekst und knickert, wie eh und je. Cecilia Bartoli, noch immer die süßeste Versuchung, seit es Mezzosoprane gibt, macht pro Jahr nur eine einzige Opernproduktion – inklusive Rollendebüt. Hinzu kommt ein Album alle zwei Jahre (womit sie diesmal bereits überfällig ist!). Eine Rarität und Gelegenheit also sind alle ihre Opernauftritte. So wie jetzt in Zürich, wo sie lebt. An ihrem Lieblingshaus.
Rossinis »Otello« von 1816 – nicht zu verwechseln mit Verdis Spätwerk! –, war einstmals die berühmtere Version. Insgesamt sechs Tenöre scharwenzeln um die heiratsfähige Desdemona, Tochter aus reichem Venezianer-Hause, herum. Hier geht’s, zumindest anfangs, nicht um Eifersucht und Mord. Sondern um Eheschließung mit einem anstößigen, weil dunkelhäutigen Bräutigam.
Viel Chauvinistisches hat Rossini hier zum Gegenstand gemacht. Aber auch etliche Buffo-Töne sind in der kongenialen Inszenierung von Moshe Leiser und Patrice Caurier (den Haus- und Hof-Regisseuren der Bartoli) wiederanzutreffen und vorzüglich gedeutet. Otello nämlich wird hier viel eindeutiger – und bei aller Gemütlichkeit – Opfer rassistischer Ausgrenzung. Ein rasend spannender Plot! Und wie fantastisch gesungen von tatsächlich vier unterschiedlichen Rossini-Tenören (die zwei weiteren wurden gnädigerweise gestrichen).
John Osborn in der Titelrolle steigert feinen Belcanto druckvoll in Richtung Helden-Hahnrei. Javier Camarena (als Wunsch-Schwiegersohn Rodrigo) rivalisiert mit süß schmeichelnden Obertönen. Und Edgardo Rocha als Jago mischt giftige hohe C’s in diese Tenor-Orgie deluxe. Hinzu kommt Ilker Arcayürek als süß charmierender Gondoliere. Ein Fest ist das – nicht nur dank einer die Töne kondensierenden, in Tränen quillenden und ergreifend sterbenden Bartoli. Dirigent Muhai Tang ist wach bei der Sache. Eine DVD scheint geplant. Gut so! Cecilia Bartoli ist hier noch dazu wunderbar ausstaffiert: halb draller Backfisch, halb kokettes Entlein. Wer zum Operntouristen nicht geboren ist, kann es hier werden.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2012



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Wolferl, die Gelddruck-Maschine

Ob Salzburg oder Wien – überall begegnet man dem Wolferl auf Schritt und Tritt. Da reihen sich […]
zum Artikel

Pasticcio

Kaiserin im Reich von Pop und Soul

Jerry Wexler, der legendäre Produzent von Atlantic Records und Mann hinter den großen Erfolgen […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


Abo

Top