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N° 1223
16. - 22.10.2021

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am 23.10.2021



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Der Kaufmann von Lübeck

Dieterich Buxtehude zum 300. Todestag

Als Musiker ein Visionär, gleichzeitig aber immer auch ein pragmatischer Geschäftsmann – diese Eigenschaften teilt der vor 300 Jahren gestorbene Dieterich Buxtehude mit Ton Koopman, der sich jetzt zu einer Aufnahme sämtlicher Werke des Lübecker Komponisten und Organisten anschickt.

Lange war der Name Dieterich Buxtehude nur eine Fußnote in der Biografie Johann Sebastian Bachs: Dieser nämlich, 20 Jahre jung und Organist in Arnstadt, pilgerte im Jahre 1705 nach Lübeck, „um den dasigen berühmten Organisten an der Marienkirche Diedrich Buxtehuden zu behorchen“ und dabei „ein und anderes in seiner Kunst zu begreiffen“. Bach hatte zu diesem Zweck vier Wochen Urlaub bekommen, er ging im November, hörte Anfang Dezember zwei der berühmten „Geistlichen Abendmusiken“ Buxtehudes – und kehrte nicht, wie vereinbart, vor Weihnachten zurück, sondern dehnte seinen Urlaub auf ein Vierteljahr aus. Was kann Bach so lange in Lübeck gehalten haben?
Der Cembalist, Organist und Ensembleleiter Ton Koopman, Vorsitzender der 2004 gegründeten Dieterich-Buxtehude-Gesellschaft hat dazu einige Ideen: Buxtehude, ein weithin berühmter Organist, war Hauptrepräsentant der norddeutschen Orgelschule mit ihrem scheinbar so improvisatorisch-freien, aber strukturell dennoch klar durchdachten „Stylus phantasticus“. Bach hatte – das erwies im Jahre 2006 der Fund der „Weimarer Bachhandschriften“ – schon als 13-Jähriger Orgelmusik von Buxtehude kopiert. Frühe Orgelwerke wie die d-Moll- Toccata sind, so Koopman, „ohne Buxtehude gar nicht denkbar“. In Lübeck wird er jede Gelegenheit genutzt haben, dem Meister an seiner imposanten Orgel in der Marienkirche über die Schulter zu schauen.
Buxtehude hatte aber noch in anderer Hinsicht Vorbildfunktion. So wenig wir über ihn als Mensch wissen, eines zeichnet sich doch ab: Er scheint ein zufriedener, fest im privaten wie beruflichen Leben verankerter, in der städtischen Gesellschaft hoch angesehener Mann gewesen zu sein. Seine Frau Anna Margarethe, Tochter des Amtsvorgängers Franz Tunder, schenkte ihm sieben Töchter, von denen vier erwachsen wurden. Es gelang ihm, in Lübeck einen „von Sponsoren mitfinanzierten modernen Musikbetrieb“ (so Koopman bewundernd) aufzubauen. Er hat etwa Oratorienlibretti schon vor der Vertonung verkauft, um die spätere Aufführung wirtschaftlich abzusichern. Die wenigen Briefe, die von ihm überliefert sind, handeln vom Geld.
Buxtehude als Herrscher über ein kleines, perfekt funktionierendes Musikimperium: Erfolg beim Fundraising, keine Probleme mit den Arbeitgebern, bei Aufführungen stets ein volles Haus – das hat nicht nur Bach begeistert. Auch Ton Koopman ist fasziniert, denn, so konstatiert er, es galt damals im Grunde dieselben Schwierigkeiten zu bemeistern wie heute. Und davon kann er ein Lied singen: Seine Bachkantaten- Gesamtaufnahme erfuhr durch die unerwartete Schließung der Labels Erato etwa auf halber Strecke eine empfindliche Störung. Koopman konnte sie nur beenden, indem er sein eigenes Haus mit einer Hypothek belastete. Dies hinderte ihn indes nicht daran, unter dem damals aus dem Boden gestampften Eigenlabel „Antoine Marchand“ pünktlich zum Buxtehudejahr 2007 gleich eine Gesamtaufnahme der Werke des Lübecker Meisters zu beginnen. Rund 26 CDs mit Orgel-, Cembalo- und Vokalwerken werden erscheinen, über die Hälfte der Musik ist schon eingespielt. Vieles wird erstmals auf Tonträger gebannt, so manches bisher gänzlich Ungehörte erwartet das interessierte Publikum.
Wird uns Buxtehude, der einst so Erfolgreiche, aber im modernen Musikleben so lang Geschmähte, im Jubiläumsjahr endlich vertrauter werden? Koopman verweist auf die Ausstellung im Lübecker St. Annen-Museum (bis August 2007): Hier wird erstmals eine Vielzahl von Dokumenten rund um den Jubilar auf einem Fleck präsentiert – darunter auch ein anonymes Frauenporträt, zu dem Koopman eine ganz besondere Idee hat: „Wir haben beschlossen, die Frage aufzuwerfen, ob es sich bei dieser schönen Frau nicht um Buxtehudes Tochter Anna Margreta handeln könnte.“ Koopman hält nämlich gar nichts von der Geschichte mit der hässlichen Tochter, die, weil sie vom Amtsnachfolger zwangsläufig zu ehelichen war, u.a. Johann Sebastian Bach schließlich dann doch aus Lübeck vertrieben haben soll – so ein Makel passt irgendwie gar nicht ins neue Buxtehudebild.

Neu erschienen:

Dieterich Buxtehude

Opera Omnia I

Ton Koopman

Challenge/Sunny Moon

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Michael Wersin, RONDO Ausgabe 3 / 2007



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